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von Sevérine Chavanne

Ein palästinensischer Filmemacher sagte, "es gibt keinen Weg zurück"  in der Demokratieentwicklung bei den Revolutionen der arabischen Welt. Dr. Imad Karam, einer der Leiter von FLTfilms, sprach am 15. März vor einem Greencoat Forum im IofC-Zentrum in London über seine Erkenntnisse über die Aufstände in der arabischen Welt. Das Forum fand im Anschluss an seine kürzlich durchgeführten Reisen in Ägypten und dem Sudan statt. FLTfilms ist eine Filmgesellschaft von "Initiatives of Change" und Karams Forschungsarbeit für seinen Doktortitel befasste sich mit den Auswirkungen der Medien auf die Identität der arabischen Jugend.

Karam unterstrich, dass die junge Generation die treibende Kraft hinter der sozialen Revolution sei. "Sie organisierte sich für Veränderungen, um einen politischen Raum für wahre Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu errichten.", sagte er. Mehr als 65 Prozent der Bevölkerung der arabischen Länder sind jünger als 40 Jahre alt. Seit Jahrzehnten litten sie unter mangelnder Beteiligung, waren im öffentlichen Leben unterrepräsentiert und hatten die höchste Arbeitslosenquote in den Entwicklungsländern. Man warf ihnen oftmals auch vor, durch die westliche Kultur entfremdet oder religiösem Extremismus gegenüber verletzlicher zu sein. Jetzt haben sie gezeigt, dass es eine dritte Option gibt, so Karam. "Die Menschen warfen dem Westen vor, Diktatoren und ihre Regierungen zu unterstützen. Jetzt wirft die Regierung der Jugend vor, durch den Westen finanziert zu werden."

Dr. Imad Karam (Foto: Amit Sharma)Dr. Imad Karam (Foto: Amit Sharma)Internet und Satellitenfernsehen, die ständige Information liefern, machten es ihnen möglich, ihre Aktionen leichter durchzuführen. Er habe dies in Ägypten erlebt, wo er sich während der ersten Tage der Aufstände aufhielt und beschrieb die Medienzentralen, die seine Freunde in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo in ihren Wohnungen errichtet hatten.

Er war nicht nur Zeuge der Angst der Anfänge, sondern fühlte sie auch und sah sie nach und nach verblassen, als die Menschen begannen, gegen das Regime zu sprechen. Er war von den organisatorischen Fähigkeiten der jungen Menschen überrascht: Informationsübermittlung, die Organisatiion von Medikamenten für Verwundete, die Organisation von Nachbarschaftswachen während der Nacht, nachdem die Polizei das Handtuch geworfen hatte, Verkehrsregelung, Wasserverteilung, Strassenreinigung und Pflastersteinreparaturen .

Alle arabischen Revolutionen haben als gemeinsame Elemente die unvorhersehbare Geschwindigkeit, in der sich die Proteste über die Regionen des jeweiligen Landes ausbreiten, die Abwesenheit von Führung, da keine politische Partei, religiöse oder militärische Gruppe für sich beanspruchen können, hinter den Protesten zu stehen und die Tatsache, dass sie von Einheimischen und nicht von Ausländern begonnen wurden.

Zu den Konsequenzen zählen ein neuer Sinn für Identität und Stolz, wiederhergestellte Hoffnung und Würde und zum ersten Mal ein Gefühl unter den Menschen, dass ihr Land ihnen wirklich gehört. Jeder in der Region könne es fühlen, was dazu führte, dass sich der Geist der Revolution so schnell verbreitete. "Jetzt bemüht sich die politische Opposition darum, mit den Massen Schritt zu halten nach jahrelangen Versuchen, sie aufzurütteln, um etwas zu verändern."

Mit einem Blick in die Zukunft sagte Dr. Karam, obwohl es gemeinsame Faktoren gäbe, hätte jedes arabische Land doch seine Besonderheiten. Ägypten folge dem tunesischen Modell, Libyen jedoch nicht und es bleibt abzuwarten, was im Yemen und in Bahrain passieren wird. Einige Länder würden ihren Präsidenten absetzen, wie in Ägypten und Tunesien, anderer werden vielleicht ihre Institutionen verändern und eine neue politische Kultur einführen, während ihre Staatschefs an der Macht bleiben. Die Notwendigkeit, eine neue politische Kultur zu schaffen bestehe überall, so Karam. Junge Menschen könnten ihr Land nicht einfach übernehmen, führte er fort. Ältere Menschen mit Erfahrung und Weisheit würden gebraucht, eingesetzt von einer Jugend, die weiss, was sie will.

Er hoffe, die Revolutionen würden würden das Gegenteil der Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte bewirken: die arabische Jugend, die in Europa lebt, sei jetzt daran interessiert, in ihre Herkunfsländer zurückzukehren. Kinder arabischer Herkunft "können jetzt erzogen mit Stolz auf ihre Herkunft werde.", sagte er.

Aber er sprach auch von seiner Besorgnis in Bezug auf Rassismus gegenüber Schwarzafrikanern und anderen versteckten Gefühlen, die in dem Prozess nicht bearbeitet werden. Sein Besuch im Sudan hätte ihm die Augen geöffnet in Bezug auf den Schmerz, den seine Vorfahren schwarzen Afrikaner zugefügt hätten, sagte er.

"Kein arabisches Land wird um echte Veränderung, echten Frieden herumkommen."

Imad Karam im Gespräch mit Osman Ali Jama, dem ehemaligen stellvertretenden Premierminister der Übergangsregierung von Somalia (Foto: Amit Sharma)Imad Karam im Gespräch mit Osman Ali Jama, dem ehemaligen stellvertretenden Premierminister der Übergangsregierung von Somalia (Foto: Amit Sharma)Als er nach Israel gefragt wird, sagte Karam, sollte Israel seine Politik nicht ändern, würde es der grösste Verliere in der Region werden, da die Palästinenser schon angefangen hätten, sich gegen ihre eigenen Anführer aufzulehnen. Der Status Quo sei nur schwierig aufrechtzuerhalten und er fürchte militärisches Einschreiten.

In Bezug auf Libyen sagte Karam, dass es für beide Seite entweder nach Tod oder Sieg aussehen würde. Colonel Gaddafi sei clever gewesen, da er sichergestellt habe, dass es in Libyen keine richtige Armee gibt. In Ägypten und Tunesien schützte die Armee die Menschen und sicherte so den Übergang. So etwas sei in Libyen nicht möglich.

In Bezug auf Bahrain erklärte KAram, das religiöse Element zwischen Shiiten und Sunniten entführe die Frage nach Frieden. Die Reinheit der Revolution aufrechtzuerhalten sei nur möglich, wenn es um echte Menschenrechte ginge.

Ein Teilnehmer des Forums erkundigte sich nach Syrien, da er dort gearbeitet hatte. Karam sagte: "Aller Augen sind auf Syrien gerichtet. Meiner Meinung nach ist das Regime dort repressiv, darum denke ich angesichts der Frage nach Frieden, nach politischer Opposition, dass die Zeit kommen wird." Am Anfang seien es Menschen vor Ort, die Menschenrechte verlangen würden und nach und nach würden sie dann den Sturz des Regimes verlangen.

Er sei überzeugt, diese Revolutionen würden keine repressiven Regimes produzieren, da die Menschen jetzt wüssten, dass sie stärker als jedes Regime seien.

Auf die Frage nach Misstrauen und Angst zwischen den westlichen Ländern und der moslemischen Welt, wies Karam darauf hin, dass die Araber jegliche Form der Einmischung des Westens, ausser in Form der UNO, in ihre Revolutionen ablehnen. Dies sei der Grund, warum der Fall Libyen vor die UNO gebracht worden wäre, die die Welt im weiteren Sinne repräsentiert und darum die Möglichkeit hat, durch ihre spezialisierten Vertretungen einzugreifen. Er unterstrich auch, dass "der Araber nicht länger weniger als gleichwertige Partnerschaft mit dem Westen akzeptieren" würde.

Zuhörer (Foto: Amit Sharma)Zuhörer (Foto: Amit Sharma)Auf die Frage hin, was Europäer tun könnten, um die arabische Jugend zu unterstützen, antwortete Karam, dass Botschaften der Unterstützung aus aller Welt willkommen seien. Misstrauen gäbe es gegenüber Regierungen, nicht Menschen und dies könne verändert werden von der Basis her, durch Menschen, die mit ihren Politikern vor Ort reden.

Als die kontroverse Frage "Islam und Demokratie - geht das zusammen?" sprach Karam über die Beispiel Türkei, Malaysien, Indonesien und Indien mit seinen 100 Millionen Moslems. Es sei eine Frage der Einstellung und Kultur "und dies kann sich ändern.", sagte er.

Seine Schlussfolgerung war: "Es gibt keinen Weg zurück. Es gibt einen Weg und der geht nach vorne."

Das Forum wurde geleitet und moderiert von Don de Silva, einem ehemaligen UNO-Mitarbeiter, der in Umwelt- und Entwicklungsfragen Erfahrungen in der arabischen Region gesammelt hat. Er arbeitet zur Zeit bei IofC Grossbritannien als Programmchef.

FLTfilms neueste Produktion ist "Eine afrikanische Antwort", ein Dokumentarfilm über Mediation nach Konflikten in Kenia.( www.fltfilms.org.uk)