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Ägyptens wahre Revolutionäre

Dienstag, 8. Mai 2012

Dr. Nagia Abdelmoghney Said (Foto: Suresh Mathew)Suresh Mathew im Gespräch mit Ägyptern, die inmitten des Feuers der Veränderung durch die Revolution daran arbeiten, Brücken des Vertrauens aufzubauen.

Unter all den aussergewöhnlichen Szenen des Arabischen Frühlings im letzten Jahr waren diejenigen, als Muslime Christen und Christen Muslime beim Beten vor der Polizeigewalt bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz beschützten.

Ägyptens christliche Bevölkerung hat Wurzeln, die Tausende von Jahren zurück in die Vergangenheit reichen. Aber in den letzten Jahrzehnten - wie an vielen anderen Orten des Mittleren Ostens - gab es verstärkt Spannungen. Im Falle Ägyptens hatten viele Hosni Mubaraks Regime im Verdacht, absichtlich zu versuchen, Christen in Bedrängnis zu bringen, vielleicht in der Bemühung, die Wut, die sich gegen die korrupte Diktatur aufbaute, abzulenken.

In all dieser Zeit setzte sich eine kleine, aber engagierte Gruppe, inspiriert von den Ideen von Initatives of Change, dafür ein, Dialoge und Vertrauen zwischen Muslimen und Christen und zwischen Ägypten und dem Westen aufzubauen.

Eine von ihnen, Dr. Nagia Abdelmoghney Said, stammt aus einer Familie liberaler Intellektueller. Ihre Mutter, Enayat Hakeem, war eine der ersten Frauen, die sich für Wahlen aufstellen liessen, als Frauen in den 1950er Jahren das Wahlrecht erhielten. Ihr Vater, Abdeklmoghney Said, war zwei Mal wegen seiner Schriften gegen die britische Besatzung im Gefängnis. Einmal teilte er sich die Zelle mit Anwar El Sadat. Said war Rechtsanwalt für Arbeitsrecht und sein Buch "Arabischer Sozialismus" wurde in viele Sprachen übersetzt.

Nagias Eltern kamen mit den Ideen von Initiatives of Change, damals bekannt als Moralische Aufrüstung (MRA), in Berührung, als sie sich verlobten. Nagia nahm als Kind an MRA-Treffen in Kairo und Alexandria teil. Sie erinnert sich, dass ihre Eltern sie sie als fast Sechsjährige mit ins IofC-Konferenzzentrum nach Caux/Schweiz mitnahmen.

Mit der Ermordung Präsident John F. Kennedys 1963 jedoch kam sie zu der Überzeugung, der Hass müsse aus den Herzen der Menschen entfernt werden. Bei einem Jugendleiter-Kurs in Caux fühlte sie sich von dem Gedanken herausgefordert, "Ägypten sei der Geburtsort und der Scheideweg der Zivilisation, der Scheideweg des Imperialismus, die Wegkreuzung von Revolution und Unabhängigkeit. Könnte es auch ein Scheideweg einer moralischen Renaissance sein?"

1972 setzte sie sich mit dem Jugendministerium in Kontakt und schlug ein Studentenaustauschprogramm durch die British Arab University Association zwischen Ägypten und Grossbritannien vor. Dieses Programm war mit der Unterstützung des ägyptischen Botschafters in Grossbritannien und ehemaligen Arbeitsminister, Kamal Reffat, durch einen der ersten MRA-Pioniere in Grossbritannien, William Conner ins Leben gerufen worden.

Reffat war ein alter Kollege von Nagias Vater und kannte die MRA. Der Jugendminister Dr. Kamal Abulemaged gab dem Austauschprogramm grünes Licht und beauftragte seinen Assistenten Mohsen Hussein die erste Delegation ägyptischer Studenten nach Caux und Grossbritannien zu bringen. Seit jener Zeit wurden "Baba" Mohsen und seine Frau "Mama" Lamia vielgeliebte Ersatzeltern für Generationen junger Ägpter, die durch das Studentenaustauschprogramm und andere Programm mit der Vision und den Werten von MRA/IofC in Berührung kamen. 1988 wurde diese Gruppe formell als Moralische Aufrüstung Ägypten (EMRA) eingetragen.

Vor dem Arabischen Frühling arbeitete das Team mit den nigerianischen Friedensstiftern Imam Ashafa und Pastor Wuye daran, Systeme zur Frühwarnung und zur schnellen Reaktion als Antwort auf die wachsenden Spannungen zwischen Muslimen und Christen zu entwickeln. Nach den

Nach dem tragischen Bombenattentat auf die Kirche von Alexandria am Neujahrstag 2011 befanden sich Mitglieder von EMRA unter denjenigen, die ein menschliches Schutzschild bildeten, um Kirchen vor Angriffen während der Feierlichkeiten der Koptischen Weihnacht in der darauffolgenden Woche zu schützen. Sie druckten und verbreiteten Poster mit der Aufschrift:" Moscheen und Kirchen umarmen einander im Land Ägypten" und riefen eine Bildungsinitiative gegen Analphabetentum ins Leben auf der Basis der Prinzipien von Verantwortung, Beziehungen und Respekt für das Leben. Sie ist ein Werkzeug, für gemeinsame Werte, Vertrauensbildung und Dialog zu werben.

Nagia, die zur Zeit Vizepräsidentin von EMRA ist, sagt, in dieser "Übergangsphase" seien die Perspektiven und die Erfahrung von IofC nötiger denn je zuvor. "Die aktuelle Lage ist ernst, verlangt nach Weisheit und Selbstkontrolle." Sie zitiert den südsudanesischen General Joseph Lagu über die Notwendigkeit, für Gerechtigkeit ohne Bitterkeit zu kämpfen.

Ausser für das Analphabetenprojekt arbeitet EMRA ausserdem daran, einen Dokumentarfilm über das religionsübergreifende Erbe Ägyptens und die Geschichte mit IofC zu produzieren und zu zeigen. Nagia ist ausserdem dabei, eine Multimediashow "Ägypten - Neue Hoffnung" auf den laufenden Stand zu bringen, die sie als Studentin zusammenstellte.

"Die Mehrheit der Ägypter erwartet sofortige Veränderungen.", sagt sie. "Sie sind frustriert, dass die Übergangsregierung es immer noch nicht geschafft hat, der wachsenden Litanei an Wünschen gerecht zu werden. Trotz allem werden in Ägypten Parlamentswahlen abgehalten. Bald wird es Präsidentschaftswahlen geben und der Oberste Rat der Armee soll seine Gewalt dem neugewählten Präsidenten überreichen. Leider haben sie unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf die Mittel, die dazu angewandt werden sollen, obwohl die Revolutions- und politischen Parteien, neue und alte, sich vor einiger Zeit über die Ziele einig wurden.  Die Mehrheit der Menschen sind ungeduldig geworden. Sie wollen die Früchte der Revolution sofort sehen. Sie wollen eine magische Formel, um Korruption auszurotten, sofortige Massnahmen, um gestohlene öffentliche Gelder wiederzufinden, sofortige Wirtschaftsreformen, schnelle Prozesse für die Angeklagten und Bestrafung für diejenigen, die für schuldig befunden werden."

Im November letzten Jahres machten sich diese Spannungen in gewaltsamen Auseinandersetzungen auf dem Tahrir-Platz Luft. Es gab mindestens 23 Tote und rund 1500 Verletzte. Wieder reagierten EMRA-Mitglieder schnell und halfen beim Zusammentragen medizinischen Materials für die Versorgung Verletzter.

Protesters in Tahrir Square (Photo: Hossam el-Hamalawy ) "Menschlicher Extremismus ist Gottes Chance.", schrieb Nagia damals. "Nur Gott kann uns Kraft und die Vision geben, um Wunden zu heilen, Gerechtigkeit ohne Bitterkeit zu erreichen und eine bessere Zukunft für alle auf der Basis wahrer Demokratie und menschlicher Werte aufzubauen."

Einen Monat später stellte EMRA ein der internationalen Konferenz über Menschenrechte in Kairo ein Papier vor, in dem die IofC-Erfahrungen von Versöhnung und des Aufbau von Brücken in Südafrika, Nigeria, dem Libanon und Ägypte vorgestellt wurden. Im Januar 2012 nahm eine grosse EMRA-Delegation, unter ihnen Tahrir-Platz-"Revolutionäre", am Dialog über Demokratie unter der Schirmherrschaft von IofC in Indien teil. Dort liessen sie sich von den Bemühungen in anderen Teilen der Welt inspirieren: die burmamesische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi sandte eine Videobotschaft, Malaysias Oppositionsführer Anwar Ibrahim reiste nur wenige Stunden nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis an, der südsudanesische Vizepräsident sprach über die Herausforderung, nach Jahrzehnten des Krieges Versöhnung zu bringen und Rajmohan Gandhi sprach über die "fast wundersame" Natur der indischen Demokratie, die sein Grossvater, der Mahatma, mit ins Leben gerufen hat.

Heute sagt Nagia: "Wir brauchen ein Wunder des Geistes. Wir müssen die gute Seite in jedem von uns ansprechen und an sie appellieren und unser Gewissen erneuern. Wir müssen bereuen, vergeben und versöhnnen. Wir müssen die Wut, aber nicht das Feuer verlieren, um Führung und Richtung zu finden." Sie zitierte den verstorbenen Sheikh Mohammed Metwally Elsharawy: "Ein wahrer Revolutionär lehnt sich gegen Korruption auf und beruhigt sich dann, um Herrlichkeit aufzubauen."

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