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Healed Ukraine, or how to find understanding between East and West?

Heilung in der Ukraine

Heilung in der Ukraine oder Wie ein besseres Verständnis zwischen Ost und West gefunden werden kann

Sonntag, 3. März 2013

Eine geheilte Ukraine oder das Verständnis zwischen Ost und West

 

„Eine Geschichte mit ungeheilten Wunden läuft Gefahr, sich zu wiederholen“ war das Motto des Seminars „Healing the Past“ (Die Vergangenheit heilen), das junge sozial engagierte Ukrainer und Ukrainerinnen aus der ganzen Welt in Transkarpatien zusammengeführt hat, um sich gegenseitig anzuhören und zu verstehen.

„Ich stamme von Krim, Oleksa ist aus Lemberg und in unserer netten Gruppe gab es Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen der Ukraine“, sagte Angela vom Organisationsteam der Veranstaltung. „Wenn wir über bestimmte Probleme in der Geschichte sprachen, kamen wir aber an einem Punkt an, wo die Diskussion absurd wurde und wir zu streiten begannen, denn wir konnten einfach keine gemeinsame Sprache finden. Daraus entstand die Idee, ein Projekt ins Leben zu rufen. Wenn wir nicht einmal ein gemeinsames Verständnis auf persönlicher Ebene finden können, wird es auch kein Verständnis in der gesamten Ukraine geben!“

Aktivismus in der Ukraine: Zum dritten Mal in Folge wurde nun das „Healing the Past“ – Projekt von einer internationalen Nichtregierungsorganisation eingeleitet – „Foundations for Freedom“ (Grundlagen der Freiheit). Der Dialog in Transkarpatien vom 21. – 24. Februar war bereits der vierte in der Ukraine. Unter den Teilnehmenden befanden sich Historiker, Studenten, sozial Engagierte, Journalisten und sogar Bühnenautoren. Die Hauptidee des Seminar-Dialogs war, eine freundliche Atmosphäre zu schaffen um Verständnis auf zwischenmenschlicher Ebene zu erreichen. Die Schneelandschaft in den Karpaten, die gute Laune der Teilnehmer und Teilnehmerinnen und das Format des Seminars trugen zum Erfolg bei.

Im Rahmen des Programms wurde Geschichte lebendig, denn der Dialog bestand jeden Tag aus Familiengeschichten, die mit alten Fotos und persönlichen Erinnerungen untermalt wurden. Hauptanliegen des Dialogs war die Gestaltung eines Zeitstrahls: eine weiße Papierrolle sollte die geschichtliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Ukraine darstellen, angefangen bei den 20er Jahren des vergangen Jahrhunderts. Der Teil unter dem Zeitstrahl umfasste die politischen Ereignisse (Kriege, Unterdrückung, Erreichen der Unabhängigkeit), wobei der Teil oberhalb des Zeitstrahls die Ereignisse und Erinnerungen des gesellschaftlichen Lebens darstellte (Aufkommen von PEPSI, Jeans, etc.) Fast jede Epoche wurde durch private Fotos ausgeschmückt.

„Nach dieser Übung habe ich gemerkt, dass wir alle gleich sind. Im unteren Teil der Collage sieht man wie angsteinflößend das politische Erbe der westlichen und östlichen Ukraine war“, erklärte eine Teilnehmerin, „Hungersnot, Tschernobyl, Gulags (sowjetische Arbeitslager)…und wie glücklich wir alle aussehen im Teil über dem Zeitstrahl…“ Die Teilnehmenden haben außerdem die Probleme genannt, die ihrer Meinung nach am meisten Aufarbeitung benötigen, wie zum Beispiel die OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten), die UPA, der 9. Mai und Gulags. Dieser konstruktive Dialog brachte ein Verständnis zwischen den Teilnehmenden hervor, sowie Respekt gegenüber anderen Meinungen, auch über diese schwierigen Themen.

„Ich habe endlich verstanden, warum die Menschen im Osten den 9. Mai so groß feiern, ich konnte mir nie vorstellen, weshalb jemand diesen Tag feiern sollte. Ich habe diesen Tag immer als Trauertag um die Toten betrachtet, ich habe ihn definitiv nicht als Feiertag gesehen“, erklärte Taras (aus Riwne). Nicht weniger interessant ist die Ansicht der Menschen aus dem Süden: „ Ich dachte nie darüber nach, was der 9. Mai eigentlich bedeutete. Es war der Tag des Sieges, mit Feuerwerken und Paraden. Erst nach der Diskussion habe ich den Tag aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Vielleicht sollten wir ihn den Tag der Versöhnung nennen?“, sagte Gayane (aus Sewastopol).

Die positiven Erfahrungen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen hat gezeigt: Wenn eine Gruppe von 20 Teilnehmenden im Alter zwischen 20 und 60 eine Einigung erzielen und Verständnis aufbauen kann und wir uns genügend anstrengen, dann können die Wunden der Vergangenheit in der gesamten Ukraine geheilt werden. Die Schlussfolgerung, zu der alle im Seminar kamen, stammt aus einer Parabel von Aesop: „Verletzungen können verziehen werden, aber nicht vergessen.“

 

Valeriya Shyrocova,

Teilnehmerin am „Healing the Past“ – Seminar in Transkarpatien, 2013