Mitgefühl steckt uns in den Knochen!

Mitgefühl steckt uns in den Knochen!

Mittwoch, 11. April 2012

 

Andrew Stallybrass (Foto: Karen Elliott Greisdorf)Andrew Stallybrass macht sich Gedanken darüber, wie archäologische Funde zu beweisen scheinen, dass sowohl Religion als auch Mitgefühl seit den ersten Tagen der Menschheit Teil unseres Lebens sind.

Ich glaube nicht wirklich an die, die nichts glauben. Wir scheinen alle an irgendetwas zu glauben. Ich vermute, dass es Teil der menschlichen Existenz ist. Und meiner Meinung nach ist der "Glaube an ein Leben nach dem Tod" nicht der richtige Ausdruck. Ich denke, es ist mehr ein menschlicher Instinkt als ein Glaube, dieses Gefühl, dass der Tod nicht das Ende ist. Der religiöse Impuls scheint bis in die ersten Tage der Menschheit - wenn nicht sogar weiter - zurückzugehen. Es gibt glaubhafte Beweise von religiösem Verhalten, die aus der mittelpaläolithischen Ära (300 000-50 000 Jahre vor Christus) und wahrscheinlich noch früher stammen. Experten leiten dies vor allem aus Begräbnisstätten ab, wo Menschen wie für eine Reise begraben wurden, ausgestattet mit allem, was für die Reise an einen anderen Ort notwendig war.

Ich habe den Eindruck, und ich bin damit nicht alleine, dass dies ziemlich offensichtliche Beweise dafür sind, dass der religiöse Instinkt in unserer Spezie früh zum Vorschein kam und auf der ganzen Welt zu finden ist. Heutzutage haben an einigen Orten Menschen in der sogenannten "zivilisierten Welt", die sich stolz als modern betrachten,  daran gearbeitet, diesen religiösen Instinkt abzutöten. Aber warum hier soviel Energie verschwenden, wenn die moderne Welt andere gesunde Instinkte anerkennt? Ist dies nicht auch ein gesunder Instinkt?

Auf der Webseite des Smithonian Institutes steht: "Unsere Vorfahren begruben oft die Toten zusammen mit Perlen und anderen symbolischen Gegenständen. Begräbnisrituale trugen zum verstärkten Gedenken der Gruppe an den Verstorbenen bei. Diese Rituale beinhalten vielleicht einen Glauben daran, die Identität der Person existiere auch nach ihrem Tod weiter."

Es gibt eine lebhafte Debatte unter Paläoanthropologen über verblüffende Zeichen von "Mitgefühl" bei unseren fernen Vorfahren. Es handelt sich hier nicht nur um Respekt für den Toten, sondern um Respekt für die Lebenden. Mitgefühl ist "ein Gefühl der tiefen Sympathie und Sorge um den anderen, der von Unglück heimgesucht ist, begleitet von einem starken Wunsch, dieses Leiden zu mildern."

Shanidar Cave ist eie archäologische Ausgrabungsstätte in den Zagrosbergen im irakischen Kurdistan (Nordirak). Von 1957 und 1961 fanden dort Ausgrabungen statt und die ersten Neandertaler-Skelette im Irak, deren Alter man auf 60 000-80 000 Jahre schätzt, wurden dort ausgegraben.  Die Shanidar-Skelette zeigen eine hohe Anzahl unterschiedlicher verheilter Verletzungen. Das extremste Beispiel ist ein vertrockneter Unterarmknochen, eine verheilte Amputation kurz über dem Ellbogen. Diese Person lebte 20 oder 30 Jahre lang mit ihrer Behinderung. "Und das bedeutet, dass es Menschen gab, die sich um ihren verletzten Angehörigen kümmerten. Sie kümmerten sich um Menschen mit schwerwiegenden Verletzungen, so dass sie überleben konnten und noch jahrelang funktionierende Mitglieder der sozialen Gruppe blieben. Das Leben war damals gefährlich, aber sie waren mitfühlend, sie kümmerten sich um andere, sie waren menschlich.", sagt Erik Trinkaus.

Es gibt in der Zwischenzeit eine ganze Reihe solcher Begräbnisstätten mit menschlichen Überresten, die verschiedene Behinderungen aufweisen - aber alle sind Zeichen dafür, dass die Gruppen sich beträchtlich dafür eingesetzt haben, das Leben dieser weniger "nützlichen" Klan- oder Gemeinschaftsmitglieder zu verlängern. 

"Trotzdem - auch wenn wir ihr Verhalten als unterstützend interpretieren können: Ist es mitfühlend?", fragt Terisa Green, Archäologin und Forscherin am Cotsen Institut für Archäologie, einer Abteilung von University College London (UCL) in Grossbritannien. Sie sagt weiterhin: "Archäologen projezieren ungern moderne Empfindsamkeiten in die Prähistorie." Sie fügt hinzu: "Vielleicht brachte diesen frühen Menschen unterstützendes Verhalten in ihrer Zeit Vorteile, aber es zeigt mit Sicherheit Vorteile für zukünftige Generationen: Mitglieder derselben Spezie arbeiten für das Überleben mehr als eines Einzelnen zusammen."

Green schlussfolgert: "Wenn man von unserem Standpunkt aus auf Geschichten zurückblickt, die schon lange zu Ende gegangen sind, dann gibt es keinen Zweifel daran, dass die Entscheidungen, die Homo Erectus, Neanderthaler und Cro-Magnon getroffen haben, das Überleben benachteiligter Mitglieder ihrer Gesellschaft gefördert haben. Wenn wir ein solches unterstützendes Verhalten als mitfühlend ansehen können, und sei es auch nur angesichts der Ergebnisse, dann gibt es tiefgehende Beweise für bestehendes Mitgefühl bei unseren Vorfahren. Ausserdem können wir angesichts ihres frühen und andauernden Auftretens in archäologischen Aufzeichnungen anfangen, darüber zu spekulieren, dass Präsenz von Mitgefühl ein weiteres Kennzeichen dessen ist, was uns überhaupt als Menschen auszeichnet."

Die Evolution wird oft als eine rein wettstreitendes Unterfangen präsentiert. Aber Wissenschafter haben sich oft gefragt, wie sich Gesellschaften ohne ein gewisses Mass an Kooperation entwickeln konnten. Martin Nowak, weltbekannter Experte im Gebiet der Evolution und der Spieltheorie, hat gerade mit dem wissenschaftlichen Bestsellerautor Roger Highfield ein Buch geschrieben: "SuperCooperators: Altruismus, Evolution und Warum wir uns gegenseitig brauchen, um Erfolg zu haben". Es stellt einen wichtigen Aspekt der Evolutionstheorie auf den Kopf, um zu erklären, warum Kooperation, nicht Wettstreit, schon immer der Schlüssel zur Evolution der Komplexität gewesen sei. Er bietet eine neue Erklärung für den Ursprung des Lebens und eine neue Theorie für den Herkunft von Sprache, nach der Emergenz von Genen die zweitgrösste Informationsrevolution der Biologie. SuperCooperators bringt auch seine Spieltheorie-Arbeit über Krankheiten ans Licht. Nowak hat entdeckt, dass Krebs  im Grunde das Versagen der Körperzellen ist, zu kooperieren. Aber die Organe sind klug konzipiert, um Kooperation zu fördern.

Nowak und Highfield untersuchen das Phänomen von Gegenseitigkeit, Ruf und Belohnung und erklären, wie selbstloses Verhalten selbstverständlich aus Wettstreit hervorsteigt. Sie zeigen auf, inwiefern Vergebung, Grosszügigkeit und Freundlichkeit eine mathematische Rationale besitzen, wie Firmen besser konzipiert werden können, um Kooperation zu begünstigen und wie es bemerkenswerte Überschneidungen gibt zwischen dem Rezept der Kooperation, das der quantitatven Analyse entspringt, und den Verhaltenscodes der grossen Religionen, wie beispielsweise der Goldenen Regel. Sie plädieren dafür, dass Kooperation, nicht Wettstreit, die massgebende menschliche Eigenschaft sei.

Wie der Dalai Lama auf unvergessliche Art und Weise sagt: "Mitgefühl ist kein religiöses Geschäft, es ist ein menschliches Geschäft. Es ist kein Luxus, es ist essentiel für unseren eigenen Frieden und unsere mentale Stabilität. Es ist notwendig für das menschliche Überleben."

In einer Jahreszeit, in der viele Gläubige den Sieg des Lebens über den Tod feiern, kann es nicht schaden, daran erinnert zu werden, dass es nicht nur Teil der Lehren der Begründer aller grossen Religionen ist, sich um andere zu kümmern. Es ist ein wichtiger Teil dessen, wer wir sind und was wir sind.

Andrew Stallybrass ist der Leiter von Caux Books, einem kleinen internationalen Verlagshaus, das mit Initiatives of Change zusammenarbeitet. Er ist ausserdem unabhängiger Schriftsteller, Journalist und Laienprediger der Genfer Reformierten Kirche. 

ANMERKUNG: Einzelpersonen vieler Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen sind zur Zeit im Rahmen von Initatives of Change aktiv. Dieser Kommentar repräsentiert die Ansichten des Autors/der Autorin und nicht automatisch die von Initiatives of Change als Organisation.