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Der Sklaverei gedenken - doch wofür?

Montag, 11. März 2013

Mildred Uda-Lede (Rednerin), Lothy Bouwe-Day (Veranstaltungsleiterin), Valika Smeulders (Rednerin) (Foto: Maarten de Pous)Am 1. Juli diesen Jahres begehen die Niederlande den 150. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in ihren Kolonien. Das gesamte Jahr 2013 ist ein Jahr des Gedenkens, mit vielen Anlässen, von denen eine nationale Feier am 1. Juli am Sklaven-Denkmal in Amsterdam den Höhepunkt darstellen wird. „Initiatives of Change” (IofC) zufolge sollte dieses Jahr nicht nur ein  Jahr der Erinnerung sein, sondern auch der Reflektion über die Bedeutung und Praxis der Sklaverei damals, und wie diese bis in die heutige Zeit hinein weiter wirksam bleibt, dienen. Aber da diese Überzeugung noch nicht weit verbreitet ist, organisierte die niederländische  IofC-Landesgruppe in ihrem Den Haager Zentrum am 20. Februar 2013 einen Diskussionsabend zum Thema „Der Sklaverei  gedenken – warum bloß?”

Die beiden Referenten kannten sich bei dem Thema sehr gut aus. Valika Smeulders hat einen Doktor zum Thema „Sklaverei aus verschiedenen Blickwinkeln“ gemacht, bei dem sie erforschte, wie Sklaverei in den Niederlanden und den ehemaligen Kolonien porträtiert wird. Mildred Uda-Lede hat, auf Betreiben der Brüdergemeine, die Nachkommen von Sklaven und Leiharbeitern aus Indien, Indonesien  und China, die nach der Abschaffung der Sklaverei auf den Plantagen arbeiteten, befragt. Das Buch wurde unter dem Titel „Search in Freedom“ veröffentlicht.

Die Geschichte von Kolonialismus und Sklaverei wurde von den Mächtigen verfasst. Smeulders argumentiert, dass man die Geschichte auch aus dem Blickwinkel der Sklaven betrachten kann. Das ist jedoch nicht leicht, da die bewahrte Hinterlassenschaft diejenige der Sklavenhalter und Sklavenhändler ist. In den sechziger Jahren begann sich dies zu wandeln, und seit den Neunzigern hat sich Unesco weltweit für eine größere Sichtbarkeit der Sklaven in der Darstellung der Geschichte eingesetzt.

Der Geschichte der Sklaverei zu gedenken ist sehr heikel. Und das hat Smeulders zufolge damit zu tun, dass Sklaverei mit Hautfarbe in Verbindung gebracht wurde, und diese wiederum mit Minderwertigkeit. Unser Wirtschaftssystem und unsere Ansic hten zum Thema Identität basieren weiterhin auf dem Kolonialsystem. Die Nachkommen von Sklaven sind häufiger von Existenznot bedroht als die Nachkommen von Sklavenhaltern. Wirtschaftlich gesehen hat die letztgenannte  Gruppe den Kampf gewonnen, und die erstere ihn verloren.  Aus der Sicht der Vereinten Nationen, für die Sklaverei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, sind die Mitglieder der erstgenannten Gruppe die Opfer und diejenigen der letzteren die Täter.

Mildred Uda-Lede betrachtete das Gedenken an die Sklaverei im Lichte der von „Initiatives of Change“ (IofC) entwickelten Ideen. Sie erwähnte die universellen Werte von Aufrichtigkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe, zusammen mit der Überzeugung, dass das Eingeständnis von begangenen Verfehlungen sowie Wiedergutmachung und Vergebung Mittel sind, mit denen der menschliche Geist Befreiung erfahren kann und Wunden der Vergangenheit geheilt werden können. Für sie ist Eingeständnis der Schlüsselbegriff. Bevor man eingestehen kann, muss man die Vergangenheit verstehen. Sie sieht es aus ihre Aufgabe, weiße Niederländer von den Auswirkungen zu überzeugen, die die Sklaverei auf die Nachkommen von Sklaven gehabt hat und wie diese immer noch weiterwirken.

Seitdem sie ihr Buch „Search in Freedom“ schrieb, ist sie noch überzeugter davon, dass die Sklaverei kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte darstellt. Diese Geschichte sollte von allen Niederländern, schwarzen und weißen, nachempfunden werden, und dies ist nicht der Fall. Sowohl für Smeulders als auch für Uda ist es ein potentiell verbindendes Element für weiße und schwarze Niederländer, dass sie es schaffen, über die Geschichte der Sklaverei zu reden.

Smeulders:‘Es ist eine persönliche Wahl, Gleichstellung und Vielfalt hier voll and ganz anzuerkennen. Das koloniale Erbe moralisch abzulehnen und die Überlebenskraft der Menschen, die man ehemals zur Sklaverei verdammt hatte, zu feiern, damit dies zu einer Quelle der Stärke und Inspiration für die gesamte niederländische Gesellschaft werden kann.‘ Und Uda:‘Es ist 150 Jahre her, dass man die Sklaverei abgeschafft hat. Es wird Zeit, dass wir Wiedergutmachung praktizieren.  Wir müssen ja alle zusammen in diesem Land leben. Wir müssen uns versöhnen. Aber das geht nur mit Eingeständnis, welches Raum schafft, damit Begegnung stattfinden kann.  Eingeständnis setzt Menschen in Bewegung.‘