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Demokratie und Verantwortung

Montag, 27. Januar 2014

 

Demokratie und Verantwortung

Maud GlorieuxIch lebe seit einigen Monaten in Indien und hatte kürzlich die Gelegenheit, am 3. Dialog zum Thema "Demokratie wahr werden lassen" teilzunehmen, der in Panchgani, dem internationalen IofC-Zentrum in Indien, stattfand. 140 Menschen aus 32 Ländern nahmen vom 10. - 14. Januar 2014 an diesem Dialog teil. Ich lege grossen Wert auf das Wort DIALOG, denn genau das war es: ein Austausch zwischen Menschen, die zwar von der Wichtigkeit der Demokratie überzeugt, jedoch skeptisch sind, wenn es darum geht, sie in die Praxis umzusetzen.

Ich arbeite nun seit 7 Jahren bei IofC mit und hatte die Gelegenheit, an vielen Treffen teilzunehmen. Ich sollte hinzufügen, dass ich jedes Mal von der Vielfalt der Teilnehmer, der Religionen, Sprachen, sozialen Herkunft, Altersgruppen usw. überrascht bin...und von der Qualität des Austauschs.

Es ist möglich, mit einem tibetanischen Diplomaten zu Mittag zu essen, anschliessend mit einem kongolesischen Senator den Abwasch zu machen und später mit Politikstudenten aus Deutschland oder dem Libanon eine Tasse Tee zu trinken. Im Sommer teilte ich im Rahmen eines anderen Treffens das Zimmer mit einer jungen Spanierin, die in Deutschland lebt und Italienisch liebt. Dieses Mal war meine Zimmerkameradin eine junge Kenianerin, die für eine Nichtregierungsorganisation (NGO) arbeitet, Muslimin ist und Kopftuch trägt. Wir haben viel zusammen gelacht, als wir feststellten, dass unsere Kosmetikcremes und Zubettgeh-Routine sich sehr ähnlich sind.

Als Französin, die in den 1970er Jahren zur Welt kam, kenne ich nur Demokratie. Es ist meine Realität. Eine Realität, da ich in einem Land lebe, in der Demokratie nicht nur einfach ein politisches Schema, sondern auch echt ist. Ich kann wählen gehen, ich weiss, meine Stimme zählt, sie wird nicht gefälscht werden. Ich habe Rechte und ich habe auch Pflichten. Ich kann frei denken, handeln und in den meisten Ländern wird mein Pass akzeptiert.

Indien ist mit einer Milliarde und 277 Millionen Einwohnern die grösste Demokratie der Welt. Trotzdem habe ich das Gefühl, Demokratie ist hier nicht so, wie ich sie kenne. Ich kann zwar kein politisches Exempel anführen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass das Gesetz nicht für alle dasselbe ist. Es gibt Ungleichheiten, die unüberwindbar erscheinen. Wir haben zum Beispiel zu Hause ein Kindermädchen, das uns mit den Kindern hilft. Es gibt keinen Vertrag mit ihr. Sie hat keinerlei Schutz, wenn es um ihre Arbeit, ihre Gesundheit oder ihre Rente geht. Wir hätten sie jederzeit entlassen können.

Ich war manchmal von bestimmten Zeugenaussagen entmutigt. In einigen Ländern Asiens, des Mittleren Ostens oder Afrikas scheint die Situation hoffnungslos, trotzdem werden dieselben Fehler immer wieder begangen. Manche Aussagen waren wie ein Déjà-vu: eine religiöse Minderheit wird durch eine andere unterdrückt, eine Frau von ihrem Mann missbraucht. Trotzdem hat es mich besonders beeindruckt, zu sehen, dass sich viele Aktivisten in ihren Ländern für Demokratie einsetzen. Ein Politiker sagte uns ausserdem, er lehne es ab, Bestechungsgelder anzunehmen und schlage der Person vor, das Geld besser in ein Unternehmen zu investieren oder Verkaufspreise zu senken, um dadurch das Problem mit einer Win-win-Situation zu lösen.

Die Teilnahme an diesem Dialog machte mir bewusst, dass Demokratie Verantwortung mit sich bringt. Wenn ich mich auch nicht aktiv auf politischer Ebene einsetze, weil ich mich dagegen entschieden habe (und diese Wahl habe ich dank der Demokratie), so kann ich doch Demokratie in meinem eigenen Leben umsetzen: mit meinen Mitarbeitern, in meiner Familie. Ich erinnere mich an ein Zitat: "Wir können nicht immer die Zukunft unserer Kinder aufbauen, aber wir können unsere Kinder auf die Zukunft vorbereiten." Dies ist es, was ich von diesem Dialog mitnehmen werde. Und ich werde versuchen, dies für meine eigenen Kinder umzusetzen.

Maud Glorieux arbeitete von Anfang an für Nichtregierungsorganisationen. Sie hat Kommunikationswissenschaften studiert, für dixiemefamille.com gearbeitet und war von 2007 bis 2010 bei IofC Frankreich in der Kommunikation tätig. Sie zog anschliessend aus familiären Gründen nach Deutschland und lebt inzwischen in Indien. Seit Januar 2013 ist sie verantwortlich für die französischsprachige Kommunikation von IofC International.

ANMERKUNG: Einzelpersonen vieler Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen engagieren sich zur Zeit aktiv bei Initiatives of Change. Hier veröffentlichte Kommentare drücken die Ansichten des jeweiligen Autors und nicht unbedingt die von Initiatives of Change als Ganzem aus.

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