Menschen - Geschichten - Berichte

Winter gathering, winter conference Poland 2019/2020

Eine gemeinsame Zukunft aufbauen

Donnerstag, 23. Januar 2020
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Wie können wir gemeinsam eine konstruktive Zukunft aufbauen, in der Vertrauen und Wohlwollen vorherrschen?

Diese Frage ist eine Herausforderung und ein tiefer Wunsch für uns alle. Zum Jahreswechsel kam eine buntgemischte Gruppe von Menschen verschiedenster Herkunft aus Mittel- und Osteuropa (Polen, Ukraine, Deutschland, Österreich, Schweiz sowie Kanada und Japan) ins polnische Ujazd, um dieses Thema zu diskutieren. Als Nachbarländer pflegen wir unterschiedliche Beziehungen zueinander, die durch Geschichte oder Politik geprägt sind.  Dennoch ist die Suche nach einer gemeinsamen konstruktiven Zukunft für uns alle lebenswichtig.

Winter gathering, winter conference Poland 2019/2020

Daher befassten wir uns an einem der gemeinsamen Tage mit der Frage nach unseren Gefühlen, Emotionen, ungelösten Konflikten, Gedanken und Ereignissen in unserem Leben, über die wir nicht frei sprechen können und darüber, warum sie für uns zu einem Tabu geworden sind. Wir diskutierten auch die Frage, wie wir unser Land und unsere Nachbarländer wahrnehmen und wie diese sich gebildet haben. Daraus ergab sich ein reicher und faszinierender Austausch.

Ein österreichischer Teilnehmer sprach beispielsweise über das Verhältnis Österreichs zu Deutschland und die Folgen des Ersten Weltkriegs, der das Ende der Monarchie bedeutete. Ein anderer Teilnehmer bedankte sich dafür, dass er während des Treffens echte Menschen treffen konnte, die über Dinge sprachen, die Sinn machten. Eine polnische Teilnehmerin sagte, es sei für sie eine bewegende Erfahrung, zu erkennen, dass die Deutschen die tragischen Ereignissen der deutschen Geschichte noch immer als tiefes Trauma empfinden. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir durch viele, nach wie vor ungelöste Probleme und ungeheilte Wunden der Vergangenheit zur Zielscheibe von Manipulationen geworden sind, die durch Angst, falsche Wahrheiten und Versprechungen verursacht werden, sei es in der Politik, den Medien oder bei der Arbeit. Doch oft sind wir uns dessen nicht bewusst.

Der Besuch in Polen fand statt, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin erklärte hatte, das polnische Volk sei für den Zweiten Weltkrieg mitverantwortlich. Ein deutscher Diplomat erwiderte daraufhin, die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg liege vollständig bei den Deutschen. Dies war eine Erfahrung, die allen Anwesenden sehr nahe ging.

Wir werden gelehrt, in Feindbildern zu denken. Daher fragten wir uns, wie man diesem Denken ein Ende bereiten könnte. Ein Weg wäre sicherlich, Treffen wie dieses zu organisieren und einander zuzuhören. Und da wir in Polen waren, nahmen wir uns Zeit, uns die tiefen Sorgen und Bedenken des polnischen Volkes über seine Zukunft anzuhören und Fragen zu stellen. Wir versuchten, die polnische Geschichte besser zu verstehen, als wir an einem unserer gemeinsamen Tage in Krakau waren. Wir hörten persönlichen Erfahrungsberichte, sangen polnische Volkslieder, feierten das neue Jahr gemeinsam und nahmen uns Zeiten der Ruhe zum Nachdenken. All dies half uns, uns mehr in das Leben dieses Landes und seiner Menschen hineinzudenken.

Die Gedanken eines ukrainischen Teilnehmers aus der Krim fasste unsere Diskussionen und Schlussfolgerung gut zusammen: "Ich und meine Generation tragen viele emotionale, verhaltensorientierte 'Bausteine' mit uns herum. Diese Bausteine wurden von unseren Grosseltern während des Krieges und der Nachkriegszeit übernommen und sind das Baumaterial dieser schwierigen Zeit der Vergangenheit. Sie wurden gelagert und von Generation zu Generation weitergegeben. Diese Ziegelsteine sind nicht physisch spürbar und werden nicht oft gesehen. Sie befinden sich auf der Ebene des Unterbewusstseins und sind oft eingebettet in das System des Denkens, in eine Reaktion auf eine Situation, in das System unserer Mentalität. Vielleicht werden diese Bausteine als natürlich und heimisch empfunden, aber ich halte sie für fremd. Es sind unausgesprochene Emotionen. Es ist Schmerz.

Building a common future - New Year gathering in Poland

Das Schlimmste für mich ist die ständige Erwartung eines weiteren Krieges. Diese Bausteine werden in der Gegenwart nicht zerstört, man wird sie nicht los, bis man das Gefühl hat, sich nicht mehr verteidigen zu müssen, bis das eigene Sicherheitsgefühls fundiert ist und man Vertrauen in andere empfindet. Die geopolitischen Ereignisse der Gegenwart tragen nicht dazu bei, sich sicher zu fühlen und optimistisch in die Zukunft zu schauen. Aber wenn jeder sich als Teil der globalen Struktur empfindet, in der Beziehungen auf Vertrauen, gutem Willen und ein Verantwortungsgefühl für heute und morgen basieren, kann dies der Beginn eines Lebens ohne diese 'Bausteine der schwierigen Vergangenheit' sein. Ein Trauma oder ein Tabu hält eine Situation, ein Ereignis im Dunkeln, im Unbekannten und beeinflusst unsere Entscheidungen, unser Verhalten. Es beeinflusst das Leben in Familien, die Beziehungen am Arbeitsplatz, zu Freunden, zum eigenen Land und zur Zukunft. Auf die innere Stimme zu hören und die eigene 'Verfassung' zu entdecken, ist ein Schritt, um zu verstehen, wie Beziehungen funktionieren."

Am Ende unserer gemeinsamen Zeit sprachen wir über unsere Wünsche und Hoffnungen, die hoffentlich unsere Leitlinien für eine gemeinsame konstruktive Zukunft ohne alte Trennungen sein werden. Unsere Wünsche sind:

  •  das fortzusetzen, was wir gerade begonnen haben
  •  Beziehungen mit starken persönlichen Verbindungen aufzubauen, die auf dem Wunsch beruhen, andere zu verstehen
  •  Geduld zum Zuhören zu haben
  •  Hoffnungen und Träume zu haben
  •  Erfahrungen und Spass zu teilen
  •  neugierig und bescheiden zu sein
  •  Freundschaften aufzubauen, durch die Vertrauen und Wohlwollen wachsen können, indem wir uns voll und ganz engagieren, Freundschaften aufbauen und mit Freunden in Kontakt bleiben
  •  darauf zu vertrauen, dass der andere das gleiche Ziel für eine gemeinsame konstruktive Zukunft hat
  •  IofC in Polen der jüngeren Generation wieder zugänglich zu machen.

Wir alle waren ausserdem davon überzeugt, weiterhin eine Grundlage für unsere Arbeit schaffen zu wollen, um in Mitteleuropa ein Team zu bilden, das eine Quelle der Stärke und gegenseitigen Unterstützung füreinander sein kann. Unser Ziel ist es, weitere Besuche im Osten Europas zu planen und ein starkes Netzwerk von Freunden und Mitarbeitern über die Landesgrenzen hinweg aufzubauen.

Winter gathering, winter conference Poland 2019/2020

 

Bericht: Ulrike Keller

Fotos: Marta Dabrowska/Franz Vock