Menschen - Geschichten - Berichte

Nicole Thieke with A-level students sponsored by Hallo Kongo

Engagement für den Wandel

Donnerstag, 17. Oktober 2019

 

Als die in der Schweiz geborene Nicole Thieke (74) 2004 half, den deutschen Verein "Hallo Kongo" zu gründen, um Schulen im Kongo zu unterstützen, hätte sie es sich nicht träumen lassen, eines Tages das Bundesverdienstkreuz verliehen zu bekommen. Die Geschichte ihres Engagements im Kongo ist ein Beispiel dafür, wie kleine Entscheidungen Berge versetzen und "zufällige" Begegnungen helfen können, die Welt zu verändern.

Was für ein Gefühl ist es, das Bundesverdienstkreuz verliehen zu bekommen? 

Ich war total überrascht. Ich wusste, dass Freunde und Mitglieder von "Hallo Kongo" darüber nachgedacht hatten, mich für eine Nominierung vorzuschlagen, um meine Arbeit bekannt zu machen. Doch lange Zeit hörten wir nichts. Dann, am 17. Oktober 2018, erhielt ich plötzlich ein Schreiben mit der Mitteilung, der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hätte mir das Bundesverdienstkreuz verliehen. Überreicht wurde mir die Auszeichnung vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Stuttgart (Foto). Um das Bundesverdienstkreuz zu erhalten, muss man von anderen nominiert werden. Gemeinden und Einrichtungen in Deutschland ermutigen Bürgerinnen, Bürger und Vereine, Menschen, die sich besonders engagieren und für bestimmtem Zwecke einsetzen, für das Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen.

 

Nicole Thieke and Baden-Wuerttemberg’s Prime Minister Winfried Kretschmann (Photo source: https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/startseite/)

 

Erzählen Sie uns mehr über "Hallo Kongo". Wann und wie begann Ihr Engagement mit dem Verein? 

Der Verein "Hallo Kongo" wurde 2004 in Süddeutschland gegründet. Wir haben derzeit 103 Mitglieder und unser Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen im Kongo zu unterstützen. Wir finanzieren ausserdem Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrer und unterstützen verschiedene andere Projekte. Unser Engagement für den Kongo reicht jedoch bis 1980 zurück, als mein Mann und ich gebeten wurden, dringend eine Wohnung für einen kongolesischen Studenten und seine Familie zu finden. Der Student hatte zwar ein Stipendium erhalten, um in unserer Stadt zu studieren, doch um ein Visa zu erhalten, brauchte er einen Wohnsitz.

Zu der Zeit war der Wohnungsmarkt in unserer Stadt besonders angespannt. Wir konnten uns nicht vorstellen, in nur einem Tag eine Wohnung zu finden, entschlossen uns aber, anzuwenden, was wir bei IofC gelernt hatten: wir setzten uns hin, beteten und dachten in der Stille nach.

Plötzlich hatte mein Mann die Idee, einen Pfarrer zu fragen, der früher in Afrika gearbeitet hatte und alleine in einem grossen Haus lebte. Er rief ihn an, erklärte ihm die Situation und der Pfarrer war sofort bereit, den kongolesischen Studenten und seine Familie aufzunehmen. Drei Tage später kamen Jean-François, seine Frau Lucienne und ihre Kinder an. So hat alles angefangen!

 

Welchen Einfluss haben die Methoden und Ideen von IofC auf Ihr Leben?

Der Sinn, die Lebensqualität und die Methoden, die ich durch IofC gewonnen habe, befreien mich von meinen Ängsten. Sie haben mir eine innere Ruhe, Vertrauen und einen überraschenden Mut für konkrete Initiativen gegeben, wie zum Beispiel bei meiner Arbeit mit "Hallo Kongo". Ein weiterer wichtiger Teil ist Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Manchmal muss ich wichtige Entscheidungen treffen und dabei ist es wichtig, mich selbst und meine Beweggründe absolut ehrlich unter die Lupe zu nehmen. Diese Methode habe ich bei IofC gelernt. Übrigens kann diese Ehrlichkeit sich selbst gegenüber oft auch helfen, andere Menschen und ihre Beweggründe besser zu verstehen.

 

Ein Schwerpunkt von IofC ist Vertrauensbildung. Welche Rolle spielt Vertrauen bei Ihrer Arbeit mit "Hallo Kongo"?

Vertrauensbildung ist das Herzstück unserer Arbeit im Kongo. Lucienne und ich können einander absolut vertrauen. Ohne dieses Vertrauen würde ich mich im Kongo nicht engagieren oder das Geld anderer Menschen dort investieren. Der Vorstand von "Hallo Kongo" vertraut Lucienne und ihrer Schule, weil er sie kennt. Der Vorstand von Luciennes Schule vertraut mir und "Hallo Kongo", weil sie mich kennen. In beiden Vorständen sind Menschen mit grossartigen Eigenschaften, die die Arbeit vielleicht bald übernehmen müssen. Lucienne und ich bemühen uns, ihnen Gelegenheit zu geben, einander besser kennenzulernen und ein solides kongolesisch-deutsches Team aufzubauen. Und weil wir zwischen uns und dem deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Vertrauen aufbauen konnten, hat es zugestimmt, den Grossteil unserer Projekte in Kinshasa zu finanzieren!

 

Lucienne Munono at kindergarten of her school

 

Seit Nicoles Nominierung haben "Hallo Kongo" und Luciennes Team ihre Projekte weitergeführt. Im August 2019 fanden vier sechstägige Friedenskreise in Kinshasa statt, die von zwei Facilitatoren aus Ostafrika durchgeführt wurden. Finanziert wurden die Friedenskreise vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Hallo Kongo. Teilnehmende waren Schulleiterinnen, Schulleiter und ihre Teams aus vier verschiedenen Schulen, 16 ehemalige Schülerinnen und Schüler aus Luciennes Schule, die inzwischen an der Universität studieren sowie Mitglieder einer Frauenorganisationen, die sich für Menschenrechte einsetzt. Die Friedenskreise hatten eine positive Wirkung auf verschiedene Teilnehmende und halfen, Leben zu verändern. Nicole freut sich derzeit auf ihren Besuch in Kinshasa im November.

Mehr über "Hallo Kongo" und Nicoles Arbeit erfahren Sie hier.

 

Foto Nicole Thieke und Ministerpräsident Kretschmann: https://stm.baden-wuerttemberg.de