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Screenshot from the last presentation session of the History begins in the Family: Dialogue of Generations project 2020

Jenseits der Grenzen: Generations- und grenzüberschreitende Erfahrungen

Geschichte beginnt in der Familie: Dialog der Generationen 2020

Montag, 8. März 2021

 

Das internationale Projekt "Geschichte beginnt in der Familie: Dialog der Generationen" wurde inzwischen bereits zum dritten Mal erfolgreich durchgeführt. Rund 30 Jugendliche aus Polen, Deutschland und der Ukraine nahmen an dem Austausch-Lernprogramm teil, studierten unter Anleitung von Mentorinnen und Mentoren ihre Familiengeschichten und diskutierten sie in Form eines Dialogs.

Abschluss des Programms war eine Online-Sitzung Mitte Dezember zur Präsentation ihrer Studienarbeiten. Dazu luden die Teilnehmenden ihre Familienerinnerungen auf der Projektwebsite hoch. Mit Unterstützung des Deutsch-Polnischen Jugendwerks wurden alle Materialien in die vier Projektsprachen übersetzt. So sind die Familiengeschichten über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit, die von den Teilnehmenden präsentiert wurden, jetzt öffentlich online verfügbar. Der gesamte Prozess wurde in Form eines kontinuierlichen Dialogs über komplizierte Themen der Vergangenheit organisiert.

Im Rahmen des Lernprogramms hatten die Jugendlichen die Möglichkeit, sich im Oktober 2020 zweimal wöchentlich virtuell zu treffen und in die Zeitspanne 1933-1945 einzutauchen, die aus der Perspektive der drei Länder betrachtet wurde. Zehn intensive Online-Sitzungen, Diskussionen, Hausaufgaben und die anschliessende informelle Kommunikation bildeten die Grundlage für Integration und Lernen.

Das Online-Curriculum wurde so konzipiert, dass umfassendes Verständnis des genannten historischen Zeitraums vermittelt wurde, einschliesslich der Themen Geschichtspolitik, Erinnerungspolitik, kritisches Denken und Post-Wahrheit, virtuelle Reisen zu den Erinnerungsorten und Treffen mit den Zeitzeugen sowie die Erkundung praktischer Tools und Methoden für weitere Oral-History-Forschung. Für das Online-Lernen wurden folgende Hilfsmittel eingesetzt: virtuelle Tafeln, wie Mural, Padlet, das Assessment-Tool Mentimeter, eine spielbasierte Lernplattform (Kahoot!), etc.

Die Pandemie hielt die Jugendlichen nicht davon ab, verschiedene Gedenkstätten kennenzulernen. Die Online-Sitzungen über Bergen-Belsen, Oświęcim/Auschwitz und Lviv dienten als Fenster zu diesen Orten. Diesmal probierten wir ausserdem mit der sogenannten virtuellen Suche ein neues Format der Beteiligung zur Erforschung eines Ortes und historischer Zusammenhänge aus. Diese Such-Reise brachte den jungen Projektteilnehmenden die Stadt Lviv und den lokalen Kontext des Zweiten Weltkriegs näher. Die jungen Teilnehmenden hatten hierbei die Möglichkeit, online mit Stepan Horechyi (†2021), einem ukrainischen ehemaligen politischen Häftling und Überlebenden nach GULAG, zu sprechen.

In der abschliessenden Online-Sitzung präsentierten die Teilnehmenden ihre Familiengeschichten. Unter Anleitung der Mentorinnen und Mentoren führten sie Oral-History-Recherchen durch, zeichneten die Erinnerungen ihrer Verwandten, Freundinnen und Freunde auf und gaben ihre Ergebnisse an die Gruppe weiter. Das Online-Treffen war voller Empathie, obwohl die Gespräche in den Kleingruppen und in der gemeinsamen Runde oft sensible Themen der Familiengeschichten berührten.

 

Aleksandra OczkowiczTrotz unterschiedlicher Lebensgeschichten teilen all diese Menschen ähnliche Erfahrungen von Leid, Entbehrung, Kampf, Schmerz usw. Nur ein humaner Umgang damit kann bei der Heilung helfen. Davon ist Aleksandra Oczkowicz aus Katowitz (Polen), Studentin der Jagiellonen-Universität an der Fakultät für Eurasische Studien, überzeugt. Sie nahm ein Interview mit ihrer fast 84 Jahre alten Grossmutter Grażyna auf:

Meine Grossmutter stammt aus einer Partisanenfamilie. Das Leben ihrer Familie drehte sich also um den Untergrund, der für die Freiheit kämpfte. Die Kommunikation mit ihr war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Die Familiengeschichtsforschung war eine grossartige Erfahrung für mich, da das Thema Krieg in lockeren Gesprächen selten angesprochen wird. Aber jetzt kann ich sehen, wie wichtig es für meine Oma war, ihre Geschichte zu erzählen. Es war auch sehr interessant, die Geschichten anderer Leute zu hören, zum Beispiel die Geschichte von dem Familienmitglied eines Mädchens aus Litauen, das jetzt in Berlin lebt und studiert. Dieser Mann hatte als Kind viel durchgemacht, seinen Vater hat er nie gekannt und seine Mutter hat er im Krieg verloren. Dann erzählte uns ein Mädchen aus der Ukraine von ihrem Familienmitglied, das während des Krieges Spion war. All das gab mir den Eindruck, dass die Schicksale der Menschen sich sehr ähnlich sind (nahestehende Menschen verlieren, versuchen, irgendwie zu kämpfen) und letztlich alle auf ähnliche Weise gelitten haben. Das beweist, dass es auf lange Sicht nur eine Nation gibt - eine Nation der Menschen.

 

Mykhailo Didenko Die Suche nach der Wahrheit und neuen Fakten über die Familiengeschichte kann inspirieren. Laut Mykhailo Didenko hat ihm diese Forschung ein besseres Verständnis für seine Familiengeschichte gegeben. Mykhailo stammt aus Vinnytsia (Ukraine). Er ist Student im dritten Jahr der Fakultät für internationale und politische Studien an der Jagiellonen-Universität in Krakau (Polen) und nahm ein Interview mit seinem Grossvater Ivan Holyak auf, der 77 Jahre alt ist:

Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1951, wurde mein Grossvater zwangsweise nach Sibirien deportiert und seine Mutter starb dort. Ich erfuhr die Details aus der Geschichte, die ich aufgezeichnet habe. Ich erfuhr, dass mein Grossvater einst einen Bruder hatte. Ich sah Fotos, die ich vorher nicht gesehen hatte. Ich kann nicht genau sagen, warum ich sie vorher nicht gesehen habe, vielleicht erinnere ich mich nicht mehr daran. Die Teilnahme am Online-Programm hat mich inspiriert, nach neuen Fakten und Geschichten meiner Familie zu suchen, den Stammbaum zu erstellen.

 

Franciska LampFranziska Lamp findet Oral History sehr faszinierend. Ihrer Meinung nach ist es absolut entscheidend, vergangene Ereignisse zu analysieren: an was erinnern sich die Menschen und vor allem, wie erinnern sie sich daran. Franziska lebt in Österreich und studiert an der Universität Wien. Sie hat das Interview mit einer 91-jährigen entfernten Verwandten aufgenommen:

Während des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit lebte meine Interviewpartnerin mit ihrer Familie in Niederösterreich auf dem Lande. Sie erzählte mir viel über die Zeit, in der die Russen in ihrer Heimatstadt waren, und sie erwähnte auch einen französischen Gefangenen [FL: Kriegsgefangener, Zwangsarbeiter], der auf ihrem Hof arbeitete. Sie erzählte mir viel darüber, wie das Landleben damals war. Durch die Aufzeichnung des Interviews habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dem Interviewpartner bew. der -partnerin genügend Raum zu geben, das heisst: ihn oder sie frei über seine/ihre Erinnerungen sprechen zu lassen, ohne zu unterbrechen und zu viele Fragen zu stellen. Nachdem dem Interview sollte man nach Dingen fragen, die unklar waren oder nach Themen, die den Interviewer oder die Interviewerin besonders interessieren. Während dieses Workshops und innerhalb unserer multinationalen Kleingruppen sprachen wir über sehr unterschiedliche Erfahrungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Wir hatten auch sehr interessante Diskussionen über die Frage der deutsch-österreichischen Schuld. Ich denke, es ist entscheidend, zu analysieren, wie die Bevölkerung in Deutschland und Österreich die Kriegszeit und die Nachkriegszeit erlebt hat und sich an diese (!) erinnert.

 

Pauline Reinhardt stellte fest, dass das Erkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Geschichten die Teilnehmenden einander näherbrachte. Paulina studiert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Deutschland). Sie hat ihr Interview mit ihrem Grossonkel aufgenommen:

Ich habe meinen Grossonkel angerufen, um über seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit zu sprechen. Er wurde 1940 geboren und wuchs in Breslau (Wrocław) auf. Nach dem Krieg musste er mit seiner Mutter fliehen. Sie kamen im Nordwesten Deutschlands an und mussten dort ein neues Leben beginnen. Wir sprachen über seine Kindheitserinnerungen und auch über Geschichten, die seine Mutter an ihn weitergegeben hat. Das Gespräch mit ihm war eine wirklich gute Erfahrung ─ sowohl auf einer persönlichen als auch auf einer nicht-persönlichen Ebene. Danach fühlte ich mich dieser Seite meiner Familie näher. Ich denke auch, dass diese Art von Erinnerungen wichtig sind, weil sie uns auf die schwierigen Zeiten erinnern, die heutige Flüchtlinge durchmachen. Es war schwierig, in der Gruppe über diese Erinnerungen zu sprechen, aber auch sehr gut.

 

Dr. Kinga Gajda

Dr. Kinga Gajda von der Jagiellonen-Universität hat eng mit der polnischen Gruppe zusammengearbeitet. Sie räumte ein, dass die Arbeit an dem Projekt während der Pandemie eine Herausforderung war, sagt aber, das Team und die Teilnehmenden hätten sie gemeistert:

Die jungen Leute aus Polen geniessen es sehr, Teil des Projekts zu sein, und sie hoffen, dass sie sich noch einmal treffen und mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine und Deutschland zusammenarbeiten können. Es ist schade, dass es während des Projekts keine Möglichkeit gab, sich offline zu treffen. Ich denke, dass Reisen (nicht virtuell) und der gemeinsame Besuch einiger Orte, das gemeinsame Verbringen von Zeit im Bus, im Hotel, beim Essen der beste Weg ist, sich kennenzulernen und neue Beziehungen zu knüpfen, um Freunde zu werden. Während des Projekts arbeiteten die Teilnehmenden online in gemischten internationalen Gruppen, aber sie hatten keine Gelegenheit, ihre Freizeit gemeinsam zu verbringen. Ich denke jedoch, dass das Organisationsteam sein Bestes getan hat, um das Projekt so effektiv und interessant wie möglich zu gestalten. Ich hoffe wirklich, dass wir die Gelegenheit haben werden, noch einmal zusammen zu arbeiten, vielleicht in einer besseren, nicht-pandemischen Zeit.

 

Das Projekt wurde für die Jugendlichen aus Deutschland, Polen und der Ukraine, sowie aus Litauen und Österreich zu einer grossartigen Gelegenheit, tiefer in die eigene Familiengeschichte einzutauchen, Beziehungen zu Verwandten aufzubauen und unsichtbare Brücken zwischeneinander und ihren Herkunftsländern zu schlagen.

Mehr über das Projekt und die aufgezeichneten Interviews finden Sie unter www.dialogue-of-generations.org.

 

Dieses Projekt wurde von Foundations for Freedom INGO als Teil des Projekts Ukrainian Action: Healing the Past Programme, the International Youth Meeting Center Oświęcim/Auschwitz (Polen) und  der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedächtnisstätte Bergen-Belsen (Deutschland) mit Unterstützung des Deutsch-Polnischen Jugendwerks im Rahmen des Stipendien-Programms "Let's Save the Memory" und mit Unterstützung der PAUCI -Stiftung durchgeführt.

 

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