Jenseits der Krise

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Jenseits der Krise

Von Kurian Thomas

Donnerstag, 30. April 2020
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Jeden Tag, wenn wir uns den Nachrichten zuwenden, um uns über die neuesten Informationen zu COVID-19 zu informieren, werden wir darauf aufmerksam gemacht, auf welch vielfältige Weise die Menschen während dieser Pandemie auf die unmittelbaren Bedürfnisse anderer reagieren. Medizinisches Fachpersonal steht an vorderster Front, arbeitet in längeren Schichten und riskiert sein persönliches Wohlergehen, um sich um die Infizierten zu kümmern. Menschen nähen Masken, die an Krankenhäuser gespendet werden sollen, um den Mangel auszugleichen, mit dem Ärzte und Krankenschwestern zu kämpfen haben. Viele Menschen bleiben zu Hause, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. All diese Massnahmen sind notwendig und wichtig, ja sogar entscheidend, um diese Krankheit erfolgreich bekämpfen zu können. Sie weisen auch auf die Solidarität und Einigkeit hin, die viele Menschen angesichts der Erkenntnis empfinden, dass wir voneinander abhängig sind, wenn es um die Sicherheit aller geht.

Diese Reaktionen haben jedoch nur kurzfristige Auswirkungen. Wie alle Krisen wird auch diese vorübergehen. Wenn sich die Übertragungsrate verlangsamt, die Kurve abflacht und COVID-19 zu verblassen beginnt, sind diese kurzfristigen Reaktionen möglicherweise nicht mehr notwendig. Aber die Lektionen, die wir jetzt lernen und das Gefühl der Einheit und Interdependenz - werden auch sie nur kurzfristig sein? Sollten sie das sein?

In dieser herausfordernden Zeit ist es wichtig, sowohl unmittelbare als auch langfristige Reaktionen abzuwägen, die darüber bestimmen, welche Schritte wir als Gesellschaft und globale Gemeinschaft nach der Krise gehen werden. Ich denke zurück an die Welt unmittelbar nach dem 11. September. Anfangs kamen die Menschen zusammen, um den Verlust von Menschenleben zu betrauern, die Widerstandsfähigkeit des amerikanischen Geistes zu feiern und sich gegenseitig bei dem Versuch zu unterstützen, das Geschehene zu begreifen. Doch schon nach kurzer Zeit begann ein Teil dieser Einheit zu schwinden und es kamen zunehmend antimuslimischer Gefühle auf. Die Menschen zogen sich in ihre politischen Lager zurück und das Land stürzte sich in einen langen, hart umkämpften Krieg. In Amerika begann eine Zeit der Polarisierung, der Angst und der Spaltung, in der wir heute noch leben.

Wie kommen wir also aus dieser Pandemie heraus und wie können wir die Werte, an denen wir gerade jetzt, in diesem Augenblick, festhalten, weiterführen? Wie können wir weiterhin Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe fördern? Wie können wir unsere Werte leben, um Brücken über manche der Gräben in unserer Gesellschaft zu schlagen? Die Antworten auf diese Fragen werden in den kommenden Monaten und Jahren wichtig sein, zumal die USA auf eine Präsidentschaftswahl zusteuern, die das Land in verschiedene Lager spaltet.

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Wir müssen bedenken...

- ...wie wir die Werte der Liebe, der Freude, des Friedens, der Einheit und der Fürsorge für andere in unserem eigenen Leben kultivieren. Deepak Chopra sprach kürzlich über die spirituellen Auswirkungen der Pandemie und sagte: "Universelle Wahrheiten spielen keine Rolle, solange sie für Sie persönlich nicht wahr sind. Das Geheimnis, das durch die Weisheitstraditionen der Welt vermittelt wird, besteht in Ihrem Selbstgefühl, der schlichten Erfahrung des "Ich bin" als dem Tor zu innerem Frieden und Freude. Indem wir unser inneres Selbst durch eine spirituelle Praxis nähren, können wir jene Werte kultivieren, die für die Überbrückung der Gräben in unserer Gesellschaft entscheidend sind.

- ...wie wir anderen helfen und auch in den kommenden Monaten weiterhin helfen werden. In Krisenzeiten ist es wichtig, sich auf die Bedürfnisse anderer zu konzentrieren und nach Wegen zu suchen, um denjenigen zu helfen, die leiden. Und obwohl dies während einer Krise wichtig ist, dürfen wir nicht vergessen, dass wir auch in den kommenden Monaten weiterhin nach Wegen suchen müssen, um zu helfen und Unterstützung anzubieten. Fürsorge und Unterstützung sollten gesellschaftliche Gräben überwinden, denn wenn jemand in Not ist, spielt es keine Rolle, welcher politischen Partei oder Religion ein Mensch angehört oder wie viel man mit mit ihm gemeinsam hat.  

Die Pflege von Werte, wie Ehrlichkeit, Reinheit, Uneigennützigkeit und Liebe, ist die langfristige Arbeit, die wir alle leisten sollten, damit wir sehen können, dass in unserer Gesellschaft Heilung stattfindet und manche der Gräben sich zu verringern beginnen. 

 


Kurian Thomas

 

Kurian Thomas ist stellvertretender Programmleiter des Fetzer-Instituts, das Partner des Trustbuilding-Programms ist. In dieser Funktion arbeitet Kurian eng mit dem Team des Instituts zusammen, um die Mission des Fetzer-Instituts voranzutreiben und "beim Aufbau der spirituellen Grundlage für eine liebende Welt zu helfen". Dazu gehört ein Portfolio von über 60 Projekten auf der ganzen Welt zu den Themenbereichen Demokratie, Bildung, Glauben und Spiritualität sowie Organisationskultur.

Kurian ist seit mehr als 15 Jahren im gemeinnützigen Sektor tätig und geniesst es, mit Menschen in Kontakt zu treten, ihre Geschichten zu hören und Projekte mitzugestalten, die dazu beitragen, Menschen im inneren Umgang mit einigen der komplexesten Probleme unserer Zeit umzugehen. Er lebt mit seiner Frau Sangeetha und ihren vier Kindern in Kalamazoo, Michigan (USA).