Aktuelle Berichte

Das Balfour-Projekt

Von Monica Spooner

Mittwoch, 13. Dezember 2017

 

Dr Monica SpoonerDie Kunst der Freundschaft ist ein wertvolles Konzept, das ich von der Moralischen Aufrüstung (MRA)/Initiativen der Veränderung (IofC) gelernt habe. 

Mohammed Fadhel Jamali vertrat 1945 sein Land Irak bei der Konferenz in San Francisco, die zur Gründung der UNO führte. Er traf dort Frank Buchman, den Initiator der MRA und ihre Freundschaft dauerte bis zu Buchmans Tod. Drei Generationen später kam diese Freundschaft meinem Mann und mir zugute.  

2008 lud uns die Familie Jamali zu einem Urlaub nach Jordanien ein und während wir uns beide darauf vorbereiteten, flüsterte uns irgendetwas ins Ohr : « Wäre dies nicht die Zeit, Israel und Palästina zu besuchen ? » Wir wollte eigentlich nie dort hingehen und glaubten auch nicht all das, was wir über die Probleme dort gehört hatten. Kurz vor unserer Abreise sah mir eine Palästinenserin aus Edinburgh, deren Freundschaft ich jahrelang nur wenig geschätzt hatte, in die Augen und gab mir eine Liste ihrer Familie und engen Freunde. Wir trafen fast alle davon, schlossen auch in Israel Freundschaften und lernten so viel in diesen zehn Tagen. All dies hat unser Leben verändert !

Als wir in Jordanien waren, besuchten wir eine Ausstellung über den Briefwechsel zwischen dem britischen Hochkommissar in Ägypten Mahon und dem Sharif von Mecca Hussein aus dem Jahr 1915, als Grossbritannien sich im Krieg befand. In diesen Briefen bot Grossbritannien den Arabern einen unabhängigen Staat an. Eingeschlossen war die Gegend, die als Palästina bekannt ist. Voraussetzung war, sich gegen unsere Feinde, die Türken, zu wenden und sie aus der Region hinauszudrängen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nie zuvor davon gehört hatte. Auch das Sykes-Picot-Abkommen aus dem Jahr 1916, das die Region unter den Franzosen und Briten aufteilte und ihrer Kontrolle unterwarf, war mir unbekannt. Und ich hatte auch nie zuvor von anderen britischen Versprechen gehört, die wir nicht einhalten konnten – und in einigen Fällen auch nie einzuhalten geplant hatten.

Zu diesem Zeitpunkt fühlten wir uns sehr unwohl. Es gab da mit Sicherheit einiges, das Grossbritannien eingestehen musste.

Als ich über meine Erfahrungen nachdachte, kam mir ganz unerwartet die Frage : « Wie wird Grossbritannien mit dem 100. Jahrestag der Balfour-Erklärung umgehen ? » Ich las ungläubig die 67 Worte der Balfour-Erklärung vom Novemberr 1917, die mir bis dahin unbekannt gewesen war und erfuhr von dem Mandat des Völkerbundes, das Grossbritannien sich nach dem Krieg sicherte. Ich entdeckte, dass wir einem « heiligen Bund » zugestimmt hatten, der Juden und Arabern in Palästina Unabhängigkeit gewähren sollte. Es dürfte nicht überraschen, dass von Anfang an Missverständnisse entstanden, da sowohl Araber als auch Juden glaubten, wir hätten ihnen das Land versprochen.

Was tut man mit einer Frage, die anscheinend aus dem Nichts heraus kommt ? Ich sprach mit vielen Menschen über meine Entdeckungen, bis zwei von ihnen sagten : « Wir werden mit dir zusammenarbeiten ». Und so entstand vor acht Jahren das « Balfour-Projekt ».

 

Audience Central Hall Westminster
Publikum in Central Hall Westminster

 

Das Projekt hat sich auf eine Weise entwickelt, die mich von seinem Zweck überzeugt. Ich würde sogar so weit gehen, es eine Inspiration Gottes zu nennen. Menschen mit grossem Fachwissen und viel Einsicht tragen zu unseren Konferenzen und Ausstellungen bei. Wir haben eine Webseite entwickelt, die pro Monat bis zu 40 000 Klicks erhält, den Kurzfilm « Grossbritannien in Palästina 1917–1948 » gedreht sowie einen Studienführer entwickelt.

Rt Hon Emily ThornberryKürzlich erhielt ich eine Nachricht von einer Israelin, die gerade erst vom Balfour-Projekt erfahren hatte. « Das Potential ,auf internationaler Ebene den Konflikt in unserem Land zu lösen, ist gross », schreibt sie. « Jeder Staat (erweckt) den Eindruck, es bedürfe lediglich der Mediation oder des Konfliktmanagements. Eine Organisation, die zugibt, sie sei an dem aktuellen Konflikt mitschuldig, ist ein völlig neuer Ansatz. »

Als 2017 näherrückte, kündigte die britische Premierministerinn Theresa May an, sie würde das hundertjährige Bestehen der Balfour-Erklärung mit Stolz begehen. War dies Grossbritanniens Botschaft an die Welt über die 67 Worte, die den Mittleren Osten für immer veränderten ? Beklommen reservierten wir in der Nähe des Parlaments Central Hal Westminster für ein Treffen, um über « Grossbritanniens gebrochenes Versprechen : Zeit für einen neuen Ansatz » auszutauschen. Ziel war es, Grossbritanniens heuchlerische Geschichte der Region zuzugeben und uns zur Unterstützung von Palästinensern und Israelis beim Aufbau einer friedvollen Zukunft mit gleichen Rechten für alle zu verpflichten.

Dies bedeutete, innerhalb von drei Monaten 25 000£ durch Spenden und den Verkauf der Eintrittskarten aufzubringen und es gab Menschen, die sehr hart dafür gearbeitet haben. Im Laufe dieser Monate stiessen viele Menschen zu uns und halfen durch ihr Fachwissen und Geldmittel mit. Am Abend des 31. Oktober 2017 kamen mehr als 1200 Menschen in die Central Hall, um der britischen Elite – führenden Politikerinnen und Politikern der vier wichtigsten Parteien, christlichen, jüdischen und muslimischen Leiterinnen und Leitern, Akademikerinnen und Akademikern und einem ehemaligen britischen Generalkonsul in Jerusalem zuzuhören.

Der ehemalige britische Aussenminister Lord David Owen sagte : « Ich habe keine Zweifel daran, dass wir unser Versprechen den Palästinensern gegenüber gebrochen haben. Wir können dieses gebrochene Versprechen nur durch einen neuen Ansatz wiedergutmachen. » Anschliessend trug er seine Vorschläge zu diesen Ansatz vor. Die Aussenministerin des Schattenkabinetts, Emily Thornberry, verpflichtete sich im Namen der nächsten Labour-Regierung, Palästina als unabhängigen Staat anzuerkennen.

Arabische und jüdische Musik trugen zur Atmosphäre bei. Ein Brief, unterzeichnet von 23 bekannten Israelis, rief die britische Regierung zu einer Erklärung auf, in der der « Staat Palästina unverzüglich anerkannt « werde. Menschen aus aller Welt schickten Botschaften. Fernsehteams filmten das Event und zeigten Berichte darüber im Mittleren Osten. Medienvertreterinnen und -vertreter vieler Länder kamen zudem zu einer Pressekonferenz im Parlament.

Der 100. Jahrestag wurde in Grossbritannien zwischen Wut und Hoffnung begangen. Es wurde eine Entschuldigung verlangt, Märsche, Demonstrationen, Debatten und akademische Seminare fanden statt. Neue Filme wurden gezeigt und die Medien berichteten weitläufig darüber. Ich bin überzeugt, dass inmitten all dieser Aktivitäten das Balfour-Projekt einen Ansatz bieten konnte, der bei der Lösung des Konflikts, für den wir viel Verantwortung tragen, helfen kann.

Jetzt müssen wir sehen, wie es weitergeht. Professor Rajmohan Gandhi, Enkel des Mahatma, der dem Balfour-Projekt von Anfang an beratend zur Seite stand, sprach vor ein paar Monaten im Parlament und verglich das Trauma der Teilung Indiens durch Grossbritannien mit dem Schaden, den wir in Palästina angerichtet haben. Sein Aufruf an das britische Volk : « Die Welt braucht Menschen, die zusammenfinden, gemeinsam das Wort ergreifen und tun, was getan werden muss. Wer sonst wird dies für die Welt tun ? »

Werden wir davon erfahren, was in unserem Namen nach dem 1. Weltkrieg in Palästina geschah, das grosse Leiden, das daraus erfolgte, eingestehen und ein neues Kapitel unserer Geschichte beginnen – ein Kapitel, bei dem wir anderen dienen, anstatt unser eigenes Interesse zu verfolgen ?

Die Herausforderung ist gross und von Dauer. Die Regierung wird sich ihr nur dann stellen, wenn die Bürgerinnen und Bürger es vor ihr tun. Wenn Grossbritannien den ersten Schritt geht, werden andere folgen.

Fotos: Lord Owen (oben links) und Emily Thornberry (oben rechts)

 

Monica Spooner hat drei Kinder und vier Enkelkinder und lebt seit 1965 in Edinburgh. Sie ging in Sheffield zur Schule und studierte am Kings College und dem Westminster Hospital in London Medizin. Später arbeitete sie als Kinderärztin. Sie war von 1980 – 1998 Mitglied des Leitungsrates der Oxford-Gruppe. Monica ist Gründungsmitglied und Kuratoriumsvorsitzende des Balfour-Projekts.  

ANMERKUNG:  Menschen aus vielen Kulturen, unterschiedlicher Nationalität, Religion und Glaubensüberzeugungen arbeiten aktiv bei Initiativen der Veränderung mit. Dieser Kommentar bringt die Meinung der Verfasserin und nicht notwendigerweise die Überzeugung von Initiativen der Veränderung als Ganzem zum Ausdruck.