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"Etwas Tolles für die Somali-Gemeinschaft"

Montag, 5. Juli 2010

von Dahira Khalid, freie Schriftstellerin, Absolventin und freiwillige Mitarbeiterin von "Somali Initiative for Dialogue and Democracy" (SIDD)

Der zweitägige innovative Workshop, der am 24. und 25. April 2010 im Andover Community Cenre des Londoner Stadtteils Islington stattfand, stand unter dem Motto des Dialogs zwischen den Generationen.

Intergenerational dialogue in IslingtonDer Workshop mit dem Titel "Frieden beginnt zu Hause!" war der Abschluss einer dreiteiligen Reihe, organisiert durch die "Somali Initiative for Dialogue and Democracy" (SIDD) in London. Die Workshops hatten zum Ziel, die Konflikte zwischen der jüngeren und älteren Generation innerhalb der Somali-Gemeinschaft zu identifizieren und eine Plattform für einen Dialog zur Verfügung zu stellen. Zwei Tage lang nahmen über 50 Mitglieder der Somali-Gemeinschaft daran teil. Unter den älteren Teilnehmern waren Diplomaten, Lehrer und ehemalige Minister der somalischen Regierung, während sich die jüngeren Teilnehmer hauptsächlich aus Studenten, Universitätsabgängern und jungen Leitern aus der Gemeinde zusammensetzten.

Der Workshop wurde durch einen Zuschuss der "Awards for All"-Lotterie mitfinanziert und von Amina Khalid, SIDD-Mitglied und Outreach Associalte von IofC-UK organisiert und beendete die Reihe der drei Workshops, von denen zwei schon in Brent und Harrow stattgefunden hatten. Mohamed Sheik Mohamud, Therapeut im Bereich antisoziales Verhalten und Sicherheit in der Gemeinde, Zahra Hassan, Direktorin von "Women of the Horn" und Amina Khalid leiteten die Veranstaltungen.

"Eltern hören nicht zu und Kinder haben keinen Respekt"

Mohamed Sheikh Mohamud erklärte: "Es gibt ein Kommunikationsproblem zwischen der jüngeren und der älteren Somali-Generation: junge Menschen haben das Gefühl, ihre Eltern hören ihnen nicht zu und die Eltern haben das Gefühl, ihre Kinder respektieren sie nicht." Das Ziel des Workshops war es, "herauszufinden, ob diese Probleme existieren - und wenn ja, diesen Problemen durch einen Dialog zischen den Generationen zu begegnen."

Intergenerationalle Konflikte sind weder neu noch findet man sie nur in der Somali-Gemeinschaft. Amina Khalid stellte fest, dass obwohl die Somalis mit dem Bürgerkrieg und dem Zusammenbruch der Nation Konflikte in Somalia erlebt hatten, Konflikte zwischen den Generationen bislang nie ein wirkliches Problem waren. Sie sagte: "Intergenerationelle Konflikte sind eine andere Art von Konflikt, die durch Veränderungen in den Gewohnheiten, der Kultur, Religion und der Sprache entstehen. Wenn man sich nicht darum kümmert, könnten sie für die Somali-Gemeinschaft in Grossbritannien zu einem grösseren Problem werden."

Osman Jama Ali, Vorsitzender von SIDD und ehemaliger Vize-Premierminister der Übergangsregierung von Somalia, sprach ebenfalls beim Workshop. Als Schlüsselfigur der ehemaligen Somali-Regierung unter Siad Barre gab er zu, dass Fehler gemacht wurden und entschuldigte sich dafür. Er unterstrich die Notwendigkeit für die Somali-Gemeinschaft, Dialog aufrecht zu erhalten und zusammenzuarbeiten, egal von welchem Klan der Einzelne stammt, um Frieden und Stabilität in Somalia aufzubauen. Frieden, so sagte er ausdrücklich, muss zuerst aus der Familienstruktur kommen, bevor er sich auf nationaler Ebene entwickeln kann.

Abweichende Sichtweisen über Respekt, Religion und Kultur

Intergenerational dialogue in IslingtonNach der Vorstellung des Workshopprogramms baten die Workshopleiter die jüngeren und älteren Teilnehmer, sich in verschiedene Gruppen aufzuteilen und die Konflikte zu identifizieren, welche Konflikte zwischen den zwei Generationen bestehen und dann ihre Ergebnisse später der Gruppe vorzutragen. 

Es wurde deutlich, dass jüngere Somalis ganz andere Sorgen haben als die ältere Generation. Manche sprachen davon, dass ihre Eltern ihnen nicht vertrauten, vor allem wenn sie mit ihren Freunden ausgehen wollten. Sie sagten auch, dass Eltern nicht genügend mit ihren Kindern nicht genügend unternähmen oder sich nicht genügend mit ihnen unterhielten. Uneffektive Kommunikation war ebenso eine Ursache für Konflikte und viele hatten das Gefühl, dass ihre Eltern sie eher an-sprachen als mit ihnen zu sprechen.

Auf der anderen Seite hatten die älteren Teilnehmer das Gefühl, dass ihre Kinder sie nicht genügend respektierten oder zuhörten. Religion und Kultur war ebenfalls ein Problem und sie hatten das Gefühl, dass ihre Kinder, die in Grossbritannien geboren wurden und aufwuchsen, das Gefühl für ihre Somali-Wurzeln verloren und sich schnell der britischen Kultur und den westlichen Verhaltensweisen zuwandten.

Die Reaktion der jungen Teilnehmer zu diesen Überzeugungen war stark; sie stellten fest, dass "britisch sein" Teil ihrer Identität sei, sie aber ebenfalls ihre somalische und moslemische Identität bewahrten. Ein junger Teilnehmer erklärte, dass während die meisten jungen Menschen im Herzen in Grossbritannien seien, die Herzen ihrer Eltern "dort zu Hause" seien und dies der Grund dafür sei, dass sie es nicht schafften, die britische Kultur anzunehmen.

Sprache war ein anderes heiss diskutiertes Thema. Die jungen Somalis bestanden darauf, dass die ältere Generation Schritte unternehmen müsse, Englisch zu lernen, damit sie besser mit ihren Kindern und der Aussenwelt kommunizieren können, während die Eltern das Gefühl hatten, dass die Kinder ihre Muttersprache lernen - oder verbessern - sollten.

Lösungen finden 

Intergenerational dialogue in IslingtonDann wurden die Teilnehmer gebeten, Lösungsvorschläge für die identifizierten Probleme zu suchen. Teilnehmer beider Generationen stimmten überein, dass sie proaktiver den Dialog suchen und einander wirklich zuhören müssen, um Vertrauen aufzubauen. Die älteren Teilnehmer akzeptierten den Aufruf der jüngeren Somalis, Herausforderungen anzunehmen und ihnen gegenüber flexibler und toleranter zu sein. Sie beschlossen auch, die Verantwortung dafür zu übernehmen, ihren Kindern den Wert der Somalisprache zu vermitteln und sicherzustellen, dass sie ihre Muttersprache nicht verlieren.

In der Zwischenzeit beschlossen die jüngeren Teilnehmer, dass sie verständnisvoller sein wollen gegenüber den Traumata, die ihre Eltern überlebeten und oft immer noch ihre Ansichten und ihren Lebensansatz bestimmen.

Für viele der Teilnehmer war die Übung eine neue Erfahrung, die ihnen die Augen öffnete. Für einige der jungen Somalis war dies die längste Unterhaltung, die sie je mit älteren Mitgliedern der Gemeinschaft hatten. Eine Studentin erklärte, dass sie "es nicht fassen konnte, dass Eltern und junge Menschen tatsächlich im selben Raum zusammen waren und Lösungen zu den Konflikten zwischen den Generationen suchten."

 

Gastredner

Parlamentsabgeordneter Jeremy Corbyn und Lela KogbaraAm ersten Tag gab es eine Podiumsdiskussion mit Gastrednern, die zum Workshop beitrugen. Labour-Abgeordneter Jeremy Corbyn von Islington North nahm sich trotz eines vollen Terminkalenders vor den Wahlen Zeit. Er sagte, die Somali-Gemeinschaft hätte ihm "Bildung, Freundschaft und Unterstützung" gegeben und pries die Art und Weise, wie sie mit ihren Traumata umgeht.

Er drängte die Somali-Gemeinschaft, sich der negativen Darstellung von Somalis in der britischen Presse entgegenzustellen, da er eine "aufstrebende und hart arbeitende Gemeinschaft" sehe. Lela Kogbara, Direktorin für Strategie und Partnerschaften im Gemeinderat von Islington, meinte, die Erfahrung, nicht dazuzugehören sei nicht immer negativ. Ihrer Meinung nach seinen "Stärken Schwächen und Schwächen Stärken" und sie ermutigte die älteren Teilnehmer, ihre Kinder nicht nach ihren idealistischen Vorstellung zu formen, sondern sie darin zu unterstützen, das Beste aus sich herauszuholen durch ihre eigenen Entscheidungen.

Adam Dirir, Herausgeber des "Somali Eye"-Magazins stellte fest, dass die Somali-Gemeinschaft mit "14 Somali-Gemeinderäten in Grossbritannien und 1 Bürgermeister im Londoner Stadtteil Tower Hamlets langsam zu Erfolg kommt."  Sheikh Ibrahim Muse,  somalischer Islamgelehrter, sprach über die Rolle des Islam in der Förderung der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und zitierte Verse aus dem Koran, die die Bedeutung der Kommunikation von Eltern mit ihren Kindern und einem Kultivieren von Freundschaft mit ihnen hervorhoben.

Tag 2: Inspirierende Geschichten

Intergenerational dialogue in IslingtonDer zweite Tag begann ebenso mit Gastrednern. Omar Said Abasheikh, ein junger Somali-Rechtsanwalt, sprach von seiner Reise von mehrjährigen Schulproblemen bis zum Erreichen einer Karriere a

Jim Baynard-Smith (links), erfahrener Mitarbeiter von IofC, erzählte auf bewegende Weise, wie seine Bemühungen, mit einem nahen Familienmitglied ehrlich und offen zu reden, ihm halfen, persönliche Konflikte zu lösen. Jim Baynard-Smith erzählte den Teilnehmern, dass "ein ehrliches Gespräch schwierig zu sein scheint, aber dass es dein Leben retten kann." Don de Silva, Programmdirektor von IofC UK, erklärte den Workshopteilnehmern die einzigartige Eigenschaften, Arbeitsweisen und Ziele der Organisation.

Ismail Osman Adam, ein junger Poet, zitierte ein Gedicht über das Bedürfnis von EInheit zwischen den Mitgliedern der Somali-Gemeinschaft und der Notwendigkeit, dem anderen zuzuhören und zusammenzuarbeiten, um zerstörte Beziehungen wieder aufzubauen. Später zitierte Amina Khalid eines ihrer Gedichte über die schwierige Reise, die viele Somalis während des Kriegs gehen mussten, indem sie ihr Heimatland für das Ausland mit fremden Menschen, einer fremden Sprache und Kultur verliessen. Das Gedicht weckte in vielen der älteren Teilnehmer, die sichtlich gerührt waren, Erinnerungen.

Der Workshop endete damit, dass den Teilnehmern Teilnahmezertifikate von SIDD-Präsident Osman Jama und Mitgliedern von IofC überreicht wurden. Der Workshop wurde gefilmt und von Universal TV, dem weltgrössten Somali-Satellitenprogramm gesendet.

"Etwas Tolles für die Somali-Gemeinschaft"

Intergenerational dialogue in IslingtonAlles in allem wurde der Workshop sowohl von den jüngeren als auch den älteren Teilnehmern als Erfolg angesehen. Maryan Ali Mudde, eine ältere Teilnehmerin, fand vor allem die DIalog-Methode des Workshops gut. "Was heute geschehen ist, ist etwas Tolles für die Somali-Gemeinschaft. Ein junger Mensch hat sich das Konzept des Workshops ausgedacht und junge Menschen haben wichtige Sichtweisen, die wir nie gehört hätten, wenn es keine Workshop wie diesen gegeben hätte."

Ismail Adam Dire, ein Vater, lobte den Workshop, da er Probleme angesprochen und Lösungen geboten hatte.

Idil Ahmed, ein junger Somali, sagte, dass "normalerweise Eltern und Kinder nicht in einem solchen Rahmen zusammenkommen, darum war es wunderbar, tatsächlich ehrliche Gespräche miteinander zu führen."

Lesen Sie hier den Bericht des Harrow und Wealdstone-Workshop (27 und 28 März)

Lesen Sie hier den Bericht des Brent-Workshops (23 und 24 Januar 2010)