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Über die Wahlrhetorik hinaus

Mittwoch, 10. November 2010
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 Präsident Obama steht in den kommenden Monaten die schwierigste Prüfung als Führer bevor. Wird er in der Lage sein, eine Ebene der Zusammenarbeit in Washington zu schaffen und das Land weiter auf die so sehr nötigen Reformen zu zu bewegen?

De Wahl bestärkte auf beiden Seiten eine Verschiebung hin zu den Extremen. Viele moderate Demokraten wurden geschlagen. Unter dem Druck des "Tea Party"-Phänomens wanderten Republikaner  nach rechts ab. Sechs von zehn jungen Wählern waren für die Demokraten, während ältere Amerikaner in gleicher Proportion die Republikaner bevorzugten, aber es stellte sich heraus, dass die Zahlen deutlich höher lagen. Ein Umfrage im Vorfeld der Wahlen, durchgeführt von der New York Times/CBS, zeigte, dass 63 Prozent der Weissen von Obamas Präsidentschaft enttäuscht waren, während es unter den Schwarzen 10 Prozent waren. Die Latinos unterstützten durchgehend die Demokraten, aber New Mexico wählte einen Republikaner zum ersten latinostämmigen Gouverneur der Nation. Die Republikaner gewannen die Kontrolle von 19 Landtagen, was dem Prozess der Neueinteilung nächstes Jahr eine entscheidende Schärfe gibt.

Die Öffentlichkeit hat sich zurückgehalten. Trotz obsessiver Berichterstattung in den Medien wurden einige "Star"-Kandidaten wie Christine O'Donnell in Delaware nicht gewählt. Viel Geld kaufte nicht immer die Unterstützung der Wähler. Christine McMahon, ehemalige Präsidentin von World Wrestling Entertainment, gab 40 Millionen Dollar in einem erfolglosen Versuch, einen Platz im Senat für Connecticut zu erlangen, aus.

Das schwierige Arbeitsmarktklima und die Angst vor Haushaltsdefiziten brachten eine Mehrheit von Unabhängigen, die 2008 für Obama gestimmt hatten, dazu, die Gefolgschaft zu wechseln. Joe Klein vom "Times"-Magazin, der 24 Tage lang durch das Land fuhr und Interviews führte, beschreibt ein "bestehendes Gefühl der Melancholie" in Bezug auf Amerikas Zukunft. Das Thema, das die leidenschaftlichsten Reaktionen auslöste, war "das skandalöse Verhalten der Finanzgemeinschaft und seine schwächenden Effekte in den letzten 30 Jahren auf die amerikanische Wirschaft". Liberale und Konservative sind auf das Versagen Washingtons, den Verlust von Amerikas herstellender Industrie anzusprechen, wütend.

Während die Wählerschaft über beide Parteien unzufrieden sein scheint, konnten die Republikaner eine Botschaft vermitteln, die mit den Ängsten und dem Groll  der Wähler  mitschwingt und diese manchmal manipuliert. In einem höchsten Fall von Heuchlerei haben die geldregierten Interessen der Rechten es geschafft, den ersten schwarzen Präsidenten als elitär darzustellen. Aber Obama und die Demokraten als Ganzes werden die Verbindung mit dem Herzen Amerikas verbessern müssen. Burns Strider, einer der führenden demokratischen Berater und Strategen in Mississippi, schreibt in der Huffington Post, das "supergelehrte" Reden kein Ersatz dafür seien, mit dem einfachen Amerikaner, von Person zu Person, über geteilte Ziele und Werte in Verbindung zu sein. "Die Stimmen, die den durch die Demokraten verursachten andauernden Verlust an Unterstützung durch die Arbeiterklasse Amerikas beklagen, werden immer stärker. Viele fahren Pickups und jagen und fischen. Und die meisten glauben fest an Gott. Sie glauben auch fest an die Vorherrschaft und das Versprechen von Amerika. Die Demokraten schaffen es einfach zu oft nicht, auf einer persönlichen Ebene mit diesen wichtigen Amerikanern in Verbindung zu sein."

Wie wird die Führungsschicht der Republikaner mit den frischgewählten Anhängern der "Tea Party"-Bewegung im Kongress umgehen? Werden sie Gefangene ihrer eigenen Rhetorik bleiben oder werden sie sich auf ernsthafte politische Diskussionen einlassen? Werden Mainstream-Republikaner wie John McCain und Lindsey Graham, die, bis das Wahlfieber einsetzte, konstruktuve und manchmal mutige Positionen zu Themen wie Immigration und Klimawandel einnahmen, bereit sein, sich für vernünftige Reformen einzusetzen? Im Bereich Bildung, wo Obama keine Angst hatte, die Lehrergewerkschaft herauszufordern, sollte ein Gebiet mit gemeinsamer Grundlage sein.

Werden beide Seiten gewillt sein, ehrliche Diskussionen über den Ausgleich des Haushalts zu führen? David Stockman, Ronald Reagans Budgetdirektor, sagte, die Republikaner hätten ihre Prinzipien aufgegeben und die Wirtschaft verkrüppelt. Er sagte, weder Demokraten noch Republikaner seinen ehrlich in Bezug darauf, was nötig sei, um das immer grösser werdende Defizit zu reduzieren. Es ist einfach nicht ehrlich zu sagen, dass wir von den aktuellen Unterstützungsprogramme (Entitlement Programs) profitieren, aber nicht gewillt sind, die Kosten für sie zu übernehmen.

Wähler im Staat Washington lehnten den Aufruf zu einer Abstimmung, der von Bill Gates Senior unterstützt wurde ab, den reichsten Bürgern eine Einkommenssteuer aufzuzwingen. Aber werden wir mehr privilegierte Amerikaner sehen, die zum Thema Eigenkapital Stellung nehmen? Die reichsten fünf Prozent haben inzwischen einen kombinierten Reichtum von 40 Billionen, das ist mehr als der gesamte Reichtum in der Geschichte der Menschheit vor 1980.

In einem Interview mit der New York Times stellte Warren Buffet fest, das er mit seinem enormen Einkommen aus Dividenden und Kapitalgewinnen weit weniger als einen Bruchteil seines Einkommens bezahle als die Sekretärinnen in seinem Büro. "Wie kann dies gerecht sein?", fragte er. "Wie kann dies richtig sein?" Der Reporter stellte fest, dass wann immer jemand versuche dieses Thema anzusprechen, er oder sie beschuldigt würde, den Klassenkrieg zu schüren. "Es gibt Klassenkrieg, das stimmt.", sagte Buffet. "Aber es ist meine Klasse, die reiche Klasse, die Krieg führt, und wir gewinnen." Werden sich andere anschliessen und wie Buffet die Wahrheit sagen?

Und was ist mit den 200 000 Menschen - die meisten von ihnen jung - die aus allen Ecken des Landes zu Jon Stewarts "Rally to Restore Sanity" (Ralley für die Wiederherstellung der Vernunft) auf der Washington Mall anreisten? Sie glauben an ein bürgerlicheres, einschliesslicheres und faireres Amerika. Wie ironisch, dass der Gastgeber einer Comedy Show den durchdachtesten, ausgeglichendsten Kommentar zur Lage der Nation liefern sollte: "Wir leben jetzt in harten Zeiten, nicht der Endzeit...Die ewige politische Rund-um-die-Uhr-Panikmache des Konfliktinators unseres Landes (Stewarts Begriff für die schwarzmalerische amerikanische Presse, Anm. der Übersetzung) hat unsere Probleme nicht verursacht, aber seine Existenz macht es umso schwerer, sie zu lösen...Wenn wir alles lauter machen, hören wir nichts." 

Trotz des vorherrschenden Images eines Landes, das "von polarisierendem Hass zerrissen wird", sei die Wahrheit die, dass Amerikaner jeglicher Herkunft und Ansichten jeden Tag zusammen daran arbeiten, etwas zu erreichen, sagte Stewart. "Die meisten von uns leben unser Leben nicht nur als Demokraten, Republikaner, Liberale oder Konservative."

Ich kann für Stewarts Einschätzung bürgen, dass der Durchschnittsamerikaner nicht der wütende Partisan ist, wie die Medien ihn zeigen. Mein direkter Nachbar ist überzeugter Republikaner, der sich meiner linkslastigen politischen Ansichten wohl bewusst ist. Aber wir sind die besten Freunde: wir passen gegenseitig auf das Haus des anderen auf, er füttert manchmal unsere Katze, wenn wir weg sind und am 1. Mai organisieren wir ein Strassenfest zusammen.

Rob Corcoran ist Präsident von Initiatives of Change in den USA. Sein Buch "Trustbuilding: ein ehrliches Gespräch über Rasse, Versöhnung und Verantwortung" wurde bei University of Virginia Press eröffentlicht.

ANMERKUNG: Einzelpersonen vieler Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen sind zur Zeit im Rahmen von Initatives of Change aktiv. Dieser Kommentar repräsentiert die Ansichten des Autors/der Autorin und nicht automatisch die von Initiatives of Change als Organisation.

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