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Lektionen von Cancún

Dienstag, 21. Dezember 2010

Fabiola BenaventeFabiola Benavente war Teil der Delegation, die Initiatives of Change beim letzten COP16, der UNO-Konferenz zum Klimawandel in Cancún, Mexiko. Im Rückblick auf das, was sie dort gelernt hat, fragt sie sich, ob dies eine Gelegenheit sei, unsere moralischen Wurzeln zu vertiefen und unser Bewusstsein von einander und von der Natur zu erweitern.

Klimawandel, als Teil unserer  weltweiten Umweltsituation, tendiert dazu, als Krise angesehen zu werden. Nach meiner Teilnahme am COP16 in Cancún sehe ich ihn auch als Gelegenheit für die Menschheit, eine tiefgehende Veränderung in Einstellungen, Werten und Taten zu durchlaufen. Er ist eine Chance, unsere moralischen Wurzeln zu vertiefen und unser Bewusstsein von einander, der Situation im Land des andern und der Natur zu erweitern. Wir haben die Möglichkeit, die Herausforderungen, die vor uns liegen, vernünftig anzusprechen.

Beim COP16 ertappte ich mich dabei, zu denken, dass wir in einer ausserordentlichen Zeit leben. Früheren Generationen waren sich der weltweiten Umweltsituation nicht voll bewusst. Zukünftige Generationen haben vielleicht keine Zeit, etwas dagegen zu tun. Aber in der Gegenwart, wenn wir willens sind, über unsere menschliche Tendenz, in endlose wissenschaftliche und rhetorische Debatten über Themen um den Klimawandel und die Umwelt herum zu verfallen, können wir gerade rechtzeitig den Herausforderungen begegnen.

Ich möchte hier einige der Lektionen auflisten, die ich beim COP16 gelernt habe. Während sie sich direkt auf das Thema Klimawandel und globale Umweltzerstörung beziehen, habe ich das Gefühl, dass sie auch breiter gefasst zum Nachdenken anregen können, während wir Klarheit für den Weg nach vorne suchen:

Sich darauf konzentrieren, was richtig ist und nicht darauf, wer recht hat.
In der Geschichte der Menschheit wimmelt es nur so von Beispielen, in denen Menschen in rationale Debatten auf der Basis verschiedener Interessen und Egos verfallen und in denen jeder zu beweisen versucht, dass er das beste Argument hat, um den anderen zu entwaffnen. Klimawandel ist hier keine Ausnahme. Viele Diskussionen konzentrieren sich darauf, wer recht hat; Aber bemühen wir uns, tief genug und weit genug zu gehen, um zu verstehen und herauszufinden, was wirklich richtig ist?

Im Laufe einiger flüchtiger Unterhaltungen, die ich in Cancún hatte, erkannte ich, dass die Tatsache, zu viel über etwas zu wissen das Bedürfnis mit sich bringen kann, dies auch zu beweisen. Dies kann leicht zu endlosen Diskussionen führen. Es braucht Demut, um zu erkennen und zu akzeptieren, wie viel wir noch lernen müssen und wie wenig wir über die Lage anderer Bescheid wissen.

Albert Einstein sagte: "Wir können Probleme nicht lösen, indem wir die selbe Art des Denkens anwenden, mit der wir sie geschaffen haben." Die Erfahrung von COP16 machte mr die riesengrosse Diskussion über die Gründe des Klimawandels deutlicher. Trotz der Tatsache, dass die Temperaturen sich verändern, beharren viele darauf, das nächstbeste Argument zu finden, um ihren Standpunkt zu verteidigen. Trotzdem spricht die Natur Bände und hat ihren eigenen Weg, sich mitzuteilen. Wie wir dies interpretieren, wird von unserer Bildung und Kultur abhängen, aber ich frage mich, ob wir als Menschheit nicht eine Gelegenheit verpassen, uns rund um dieses globale Problem zu vereinen.

Tief durchatmen.
Einer der anwesenden Ureinwohner erzählte mir, dass man in seiner Kultur den Klimawandel teilweise als Balanceverlust auf Grund der Ausbeutung der Natur und den Überkonsum der Rohstoffe ansieht. Ein anderer drückte seine Besorgnis aus, indem er sagte: "Wir müssen dem Planeten eine Atempause geben, eine Pause, eine Ruhephase." Sie hatten eine solch erstaunliche Vision des Kosmos, eine solche Weisheit und Verständnis der Natur. Wir müssen auf sie hören.

Sich um sein eigenes Haus kümmern
Im Laufe einer der Nebenveranstaltungen in Cancun stolperte ich über ein Zitat des Dalai Lama, das einen nach innen gerichteten Blick auf die weltweite Umweltsituation vorschlug, indem Umweltschutz als praktische Ethik angesehen wird. Er ermutigt uns einfach dazu, "uns um unser eigenes Haus zu kümmern". Und das lässt sich sowohl auf unsere innere Welt als auch auf die Erde anwenden.

Die Vorstellung, sich daran zu erinnern, dass wenn man mit dem Finger auf etwas/jemanden anderen zeigt, drei Finger auf uns selber zeigen, ist heutzutage so aktuell wie nie zuvor. Wenn wir dies tun, nehmen wir unsere Einstellung anderen und der Natur gegenüber genauer unter die Lupe. Unser Verhalten entspringt diesen Einstellungen. Es befreit unsere inneren Ressourcen und unsere Fähigkeit, zum Beispiel das menschliche Gesicht des Klimawandels zu erkennen. Es verstärkt unser Mitgefühl gegenüber Klimaflüchtlingen und denen, die durch Umweltkatastrophen in verschiedenen Teilen der Welt ums Leben kommen. Es gibt uns eine Möglichkeit, aufzustehen und auf Krisen so offen und so gut wie möglich zu reagieren.

Eine Ethik für alle...oder jedem seine eigene?
Dies war die Frage, die mir 2002 in einer Ethik-Klasse gestellt wurde. Ich erinnerte mich wieder an sie während einer Veranstaltung, die sich mit Ethik als unentbehrlichem, aber oft fehlendem Element beschäftigte. Die Veranstaltung untersuchte das Versagen der Nationen, nationale Positionen auf die Grundlage ethischer Prinzipien zu stellen und wie dieses Versagen zu negativen Konsequenzen bei internationalen Verhandlungen führte.

Es gibt keine Entweder/oder-Antwort auf diese Frage. Eines der wichtigsten Prinzipien, das ich mit Initiatives of Change gelernt habe und das auch heute noch von grosser Bedeutung ist, ist, dass wir, wenn wir unsere gegenseitige Abhängigkeit erkennen lernen, uns darum bemühen sollten, zusammen zu kommen und mit der kreativen Spannung umzugehen, um einen gemeinsamen Weg zu finden, in unserer Unterschiedlichkeit vorwärts zu gehen.

Sichere Rahmenbedingungen für ehrliche Gespräche
Während ich am Gipfel teilnahm, erinnerte ich mich ständig an einige meiner Erfahrungen mit IofC, vor allem während der Konferenzen in Caux. Oft war ich beeindruckt von der Kraft sicherer Rahmenbedingungen, innerhalb deren wir über Egos hinaus wir selber sein und wo wir unser wahres menschliches Gesicht enthüllen können, das oft hinter unseren tiefsten Ängsten liegt. Vielleicht ist es das, was noch noch viel mehr gebraucht wird als das, was schon getan wurde in Bezug auf die aktuelle Klimasituation. Haben wir Rahmenbedingungen geschaffen, wo wir wirklich zu verstehen versuchen, warum ein Land oder eine Person sich an der Position befinden, wo sie in Bezug zu einem bestimmten Thema sind oder wie würden wir denken und handeln, wenn wir an ihrer Stelle wären? Was bringt eine Person dazu, so zu denken, wie sie es tut? Gibt es irgendwelche versteckten Ängste, wirtschaftliche Macht zu verlieren? Was ist ihr Verständnis von Macht?

In der aktuellen Situation des Klimawandels werden wir nicht weit kommen, wenn wir ein Paradigma aus ortsgebundenen, utilitaristischen kostengünstigen Lösungen einsetzen. Wir brauchen neue, ehrliche Gespräche, geleitet von Ehrlichkeit an einem sicheren Ort.

Wertekrise?
Ich habe gelernt, den Einsatz für unseren Planeten als moralisches Thema zu betrachten und in diesem Sinne reflektiert er eine Krise moralischer Werte und vielleicht sogar eine Krise der Spiritualität.

Während des COP16 wurde mir die Notwendigkeit bewusst nach mehr koordiniertem Handeln zwischen Regierung, der zivilen Gesellschaft, der Wirtschaft und anderen beteiligten Parteien. Aber meistens bleiben sie getrennt von einander und zeigen mit dem Finger auf den anderen. Ich habe auch erkannt, dass das Wissen, die Technologie und die Lösungen, die notwendig sind für einen nachhaltigen Weg in die Zukunft, nicht nur aus den Entdeckungen der Wissenschaft stammen können. Wir brauchen moralische und geistliche Einsicht, was einer globalen Ethik für Umwelt und Entwicklung einen Schub geben würde.

Initiatives of Change hat ein Erbe darin, Werte und Prinzipien von hohem Niveau hervorzuheben, was sie universell macht und bedeutend für die praktischen Probleme, denen wir im Alltag gegenüber stehen. Wenn sie hoch genug gesteckt werden, sind es Werte und Prinzipien, die Menschen inmitten all unserer Vielfalt vereinen können.

Nicht darauf hören, geht nicht!
Ich habe gehört, wie IofC-Präsident Rajmohan Gandhi uns ermutigte, indem er sagte: "Hört auf das Innere, den Anderen und die Erde." Oftmals sind wir so damit beschäftigt, die wirtschaftliche Entwicklung und eine erfolgreiche Karriere voranzutreiben, dass wir vergessen, Zeit zu finden, um stille zu werden, um einfach zu sein, sich 'einzustöpseln' und zuzuhören. Wir mögen immer noch diese Wahl haben, aber die Zeichen der Natur zwingen uns immer mehr dazu, zuzuhören.

ANMERKUNG: Einzelpersonen vieler Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen sind zur Zeit im Rahmen von Initatives of Change aktiv. Dieser Kommentar repräsentiert die Ansichten des Autors/der Autorin und nicht automatisch die von Initiatives of Change als Organisation.