Überlegungen einer Friedensstifterin

Überlegungen einer Friedensstifterin

Donnerstag, 22. September 2011

Nargees Choudhury ist Jurastudentin in London. Sie arbeitet ausserdem als Lehrerin an der Islamischen Schule für Mädchen in Nordwestlondon. Sie war eine der jungen europäischen muslimischen "Friedensstifter", die an der  Multicultural World-Konferenz teilnahmen, die im Juli 2011 von Initiatives of Change in Caux/Schweiz durchgeführt wurde.

'Der Tag, an dem ich mich bei Mitgliedern der English Defense League sicherer fühlte als bei meinen eigenen muslimischen Brüdern..."

Nargees Choudhury unter dem SpruchbandNach vielen Überlegungen und einer kurzen hitzigen Debatte beschloss eine kleine Gruppe von Friedensstiftern, das historische Ereignis des zehnjährigen Jahrenstags der Terrorangriffe des 11. Septembers mit einem Friedenstisch ausserhalb der amerikanischen Botschaft zu begehen.

An diesem Tag würde wie immer viel veröffentlicht und Tribut gezollt werden und die Emotionen würden hochgehen. Die amerikanische Botschaft im Herzen der Londoner Innenstadt, die sich in unmittelbarer Nähe einer der Gegenden befindet, die bei den Londoner Bombenanschlägen betroffen war, war als ausgewählter Platz nicht nur von nicht zu unterschätzender Bedeutung, sondern auch ein Ort, der mit der Tragödie des 11. September auf besonders bedeutungsvolle Art und Weise verknüpft ist.

Unser Plan war einfach: Wir wollten sowohl unsere tiefe Sympathie für die Familien der Opfer des 11.Septembers  zum Ausdruck bringen als auch zeigen, dass wir Terrorismus in all seinen facettenreichen Formen verurteilen (ob er nun durch ein Netzwerk von Terroristen wie Al-Quaida oder durch staatlich geführte Kampagnen ausgeübt wird).

Vielleicht zufällig stiess ich eine Woche vor dem vielerwarteten/gefürchteten Ereignis auf dem Weg zur Arbeit in der Metro (einer kostenlosen Londoner Zeitung) über einen Artikel. Er erklärte, dass Muslims Against the Crusades (MAC - eine islamistische Extremistengruppe) ebenso die brilliante Idee hatte, zwar keinen Friedenstisch, aber eine Demonstration ausserhalb der amerikanischen Botschaft abzuhalten - genau am 11. September! Kurz danach wurde angekündigt (wenn auch nur durch die Buschtrommeln), dass die English Defence League (EDL - eine rechtsextreme antiislamische Gruppierung) ebvenfalls plane, demselben Ort einen spontanen Besuch abzustatten. Dadurch wurden die Dinge um einiges komplizierter. Unser Vorhaben war nicht mehr besonders originell und wir diskutierten heftig darüber (so heftig man als Friedensstifter werden kann), ob wir unser Vorhaben durchziehen sollten oder nicht. Wir machten uns über die Sicherheit Gedanken und darüber, ob unser ursprünglicher Plan in diesem Klima das Hasses durchgeführt werden könnte und wir überlegten auch, ob unsere Anwesenheit an einem solchen herzergreifenden Tag, der den Angehörigen gehörte, angemessen sei. Trotz einiger ernsthafter Vorbehalte beschlossen wir, weiterzumachen. Wir waren uns der Tatsache bewusst, dass es ein Balanceakt werden würde, da wir nicht hingehen würden, um religiöse Dogmen zu predigen und nicht vorhatten oder wünschten, für eine politische Agenda einzutreten. Wir wollten nur eine Botschaft des Friedens weitergeben.

Der grosse Tag kam und wir waren alle ein bisschen müde von den letzten Vorbereitungen des Vorabends. Mit Spruchbändern, Flyern, Mini-Friedenskarten, CDs und Büchern ausgestattet machten wir uns auf den Weg zu unserem Ziel. Als wir ankamen, fanden wir die Botschaft abgesperrt und eine starke Polizeipräsenz vor.  Auf unsere Bitte hin wurden wir dorthin geschickt, wo MAC und die EDL demonstrierten. Noch bevor wir dort ankamen, konnten wir (ebenso wie die Familien von Opfern des 11. Septembers, die nur wenige hundert Meter entfernt eine private Zeremonie abhielten) die hasserfüllten Reden hören, die durch Megaphone gehalten wurden.

Zu meiner Überraschung waren wir nicht die einzigen Friedensstifter, die beschlossen hatten, sich gegen den Wahnsinn von MAC einzusetzen. Es gab noch eine Handvoll anderer und ich war ein bisschen erleichtert, dass wir nicht die einzigen waren. Während sie friedlich da standen und ihre Spruchbänder schwangen, wurde mir schlagartig bewusst, dass sie Seite an Seite mit der EDL standen. Dies war natürlich keine Absicht. Die beengte räumliche Situation bedeutete, dass sich die MAC-Mitglieder auf der einen und alle anderen - Journalisten, Zuschauer, Friedensstifter, EDL-Mitglieder - auf der anderen Seite standen...gemeinsam.

Als wir unseren Friedenstisch aufbauten und uns zu den anderen Friedensstiftern gesellten, geschah etwas sehr Seltsames: Mitglieder der EDL kamen herüber, um ihre Dankbarkeit für unsere Entscheidung, mitzumachen und gegen die MAC zu protestieren, zum Ausdruck zu bringen. Es war fast surreal. Die EDL-Mitglieder erklärten, dass ihnen klar sei, dass nicht alle Muslime gleich und sicherlich nicht so gestört wie die MAC seinen und in diesem Moment erkannte ich, dass auch EDL-Mitglieder nicht alle eine einheitliche Gemeinschaft darstellen. Trotz allem erkannte ich auch, dass die EDL bei weitem keine Helden sind, wenn es um die Rechte von Minderheiten geht und dass sie in vielem die Kehrseite von MAC sind.

Ich beschloss, einige der Spruchbänder, die wir gemacht hatten, zu nehmen und sie direkt im Blickfeld der MAC-Mitglieder (wir waren durch die Polizeireihe getrennt) aufzustellen. Ich erhielt viele tödliche Blicke und vor allem ein Mann mit verhülltem Gesicht machte mir ständig Zeichen, ich sei verrückt. Ich fand die Ironie in all dem unglaublich lustig. Ein anderes MAC-Mitglied sah mich an und zeigte auf ein Schild, das blutüberströmte Frauen und Kinder zeigte,die deutlich (und vermutlich im Irak oder in Afghanistan) verletzt worden waren. Die Botschaft war klar und klang vertraut: "Du bist entweder für uns oder für den Feind." Als ob Balaklava-Mann sich nicht ausrechnen konnte, dass ich ebenso wenig den Krieg im Osten unterstützte als auch die sinnlosen Terrorattacken im Westen. Ich sah, wie ich mehr Aufmerksamkeit bei MAC als bei der EDL erregte, auch wenn die viel zahlreicher vertreten war. Mir wurde bald klar, dass ich durch meinen Hijab die einzig offensichtliche Muslimin war und die Wirkung dadurch tief sass.

MAC, so schien es, waren EDL-Demonstrationen gegen ihre Hassreden vertraut und sie fühlten sich dort sogar wohl, aber dass jemand von ihnen (und dann auch noch eine Frau) Seite an Seite mit der EDL öffentlich ihre Botschaft ablehnte, war ein viel härterer Schlag.

Ich ging an den Tisch zurück und schämte mich plötzlich ganz unglaublich. Ich hatte das Gefühl, meine Religion sei von einer Gruppe junger wütender Dummköpfe entführt worden. Ich fühlte mich von der muslimischen Gemeinschaft im weiteren Sinne durch ihre Passivität betrogen. Ich war auf mich selbst böse, dass ich so lange nichts unternommen hatte. Ich war sogar auf den Staat sauer, der erlaubt hatte, dass die Demonstration überhaupt stattfinden konnte. Als der Ruf zum Gebet (Adhaan) kam, liefen mir Schauer über den Rücken. DEM universellen Aufruf, dem schönen Adhaan, der normalerweise ans Herz geht und die Seele zum Gebet drängt, war all seine Geistlichkeit weggenommen worden, eine leere bedrohliche Stimme, die stattdessen in meinen Ohren klang. Ich schämte mich noch mehr, als die EDL zu rufen begann: "ABSCHAUM, ABSCHAU, ABSCHAUM." und die "würdige" Antwort von MAC herüberkam "IST DEINE MUTTER, DEINE MUTTER, DEINE MUTTER."

Eine Flasche wurde geworfen und es war Zeit zu gehen. Als wir weg gingen, fühlte ich mich so traurig wie schon lange nicht mehr. Wir legten im Gedenken an die Toten Blumen nieder und gingen dann auf die Bond Street- Untergrundstation zu. Mir fiel auf, dass den Leuten, die zum Einkaufen unterwegs waren, überhaupt nicht bewusst war, was nur ein paar Strassen entfernt vor sich ging. Zu Selfridges zu gehen schien viel wichtiger zu sein. In den Tagen nach der Demonstration kam der Alltag zurück und während die Erinnerungen daran verblassten, ging mir ein einziger Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Ein Gefühl, das ich nicht mehr vergessen werde. Es war der Tag, an dem ich mich bei der EDL sicherer fühlte als bei meinen eigenen muslimischen Brüdern.

ANMERKUNG: Einzelpersonen vieler Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen sind zur Zeit im Rahmen von Initatives of Change aktiv. Dieser Kommentar repräsentiert die Ansichten des Autors/der Autorin und nicht automatisch die von Initiatives of Change als Organisation.