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Kony 2012 - Wird es funktionieren?

Dienstag, 13. März 2012
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Jean BrownLetzte Woche ging eine Videokampagne mit dem Titel  Kony 2012 explosionsartig um die Welt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels haben sie mehr als 27 Millionen Menschen rund um die Welt auf YouTube und viele andere auf Vimeo und anderen Videoportalen gesehen. Die Kampagne der amerikanischen Organisation 'Invisible Children' ruft zur Verhaftung Joseph Konys auf, dem Anführer der Lord's Resistance Army, der vom Internationalen Gerichtshof angeklagt wird. Jean Brown aus Australien hat Kontakte zu Friedensstiftern der betroffenen Regionen, die unter Kony zu leiden hatten und spricht über ihre Gedanken zum Thema.

Ich habe schon vor einiger Zeit von Joseph Kony erfahren und verschiedene Menschen getroffen, die seit Jahren an seiner Verurteilung arbeiten. Im letzten Jahr trafen wir in Kampala tolle Menschen aus Uganda, die die schwere Aufgabe haben, Kinder und Familien im Norden des Landes zu rehabilitieren. Gulu ist immer noch dabei, sich zu erholen. Wir durchfuhren es in unserem Bus auf dem Weg in den Südsudan. Kony hat diese Gegend vor sechs Jahren verlassen. Er zog sich in den Südsudan und die Demokratische Republik Kongo zurück. Im der DRK ist der Dschungel dicht und, soweit ich verstanden habe, ist das Strassennetz nur unzureichend ausgebaut.

Während die Motive der ugandischen Regierung zweifelsohne sehr gemischt sind, lag die Schwierigkeit, der sie sich gegenüber sah, darin, gegen einen Mann zu kämpfen, der sich mit Zivilisten und Kindern umgab. Wie kämpft man gegen die eigenen Kinder? Ich habe von Geschichten gehört, die bei weitem schlimmer sind als die, von denen in diesem Video berichtet wird. Vor ein paar Jahren traf ich im IofC-Konferenzzentrum in Caux/Schweiz eine bemerkenswerte Frau namens Betty Bigombe. Sie ist zur Zeit Staatsministerin für Wasservorräte in Uganda. Ihr war die Aufgabe übertragen worden, die Lord's Resistance Army zu überreden, ihre Waffen niederzuleben, da die militärischen Anstrengungen, sie zu schlagen, fehlgeschlagen waren.

Bigombe nahm 1993 die ersten Kontakte mit Joseph Kony auf. Sie stammt aus demselben Stamm der Acholi. Damit wurden Verhandlungen eingeleitet, die unter dem Namen "Bigombe-Gespräche" bekannt wurden. 1993 wurde sie für ihre Bemühungen, der Gewalt ein Ende zu setzen, zu Ugandas Frau des Jahres ernannt. (Sie selbst war Zielscheibe von Kugeln und Bomben.) Trotz des Treffens mit Kony brachen die Verhandlungen im Februar 1994 zusammen. Bald danach verstärkte sich die Unruhen und etwa 10 Jahre lang wurden keine grossen Anstrengungen mehr für den Frieden unternommen.

Nach einem schrecklichen Massaker im Februar 2004 liess sich Bigombe von der Weltbank beurlauben und flog in der Hoffnung nach Uganda, den Friedensprozess wieder in Gang zu bringen. Zwischen März 2004 und 2005 war Bigombe Chefmediatorin einer neuen Friedensinitiative mit der LRA, wobei sie persönlich viel Geld in die logistischen Bemühungen steckte, ugandische Regierungsmitglieder und Rebellenführer zusammen zu bringen.  Das letzte Treffen am 20. April 2005 war ebenfalls ein Misserfolg. Trotzdem werden die Mediatonsbemühungen von Bigombe als Grundlage für die Juba-Gespräche 2006-2007 angesehen, die von der südsudanesischen Regierung geleitet wurden. Leider schlugen auch sie in letzter Minute fehl, als Joseph Kony sich weigerte, ein Friedensabkommen zu unterzeichnen.

Ich traf im Südsudan einen Bischof, der Mitglied eines Teams der Kirche war, das sich dafür einsetzte, über Kony über seine Familie zu erreichen. Es gibt und gab viele Bemühungen von afrikanischer Seite, auf ihn zuzugehen.

Dies sind vielleicht viele Details, aber es ist wichtig, den Hintergrund zu verstehen. Manchmal denken wir als Aussenstehende, wir wüssten es besser und schaffen es dadurch nicht, die Strategien derjenigen, die vor Ort sind, zu respektieren. In diesem Fall sind die Menschen vor Ort nach so vielen Jahren klar gescheitert, aber trotzdem sind sie immer noch diejenigen, die langfristig am besten platziert sind, um ihn anzugreifen. Es gibt viele gemischte Reaktionen von afrikanischer Seite gegenüber der Kony 2012-Kampagne und es lohnt sich, zu lesen, was sie zu sagen haben. Unter anderem wird von der Angst gesprochen,  diese Kampagne könnte Vergeltungsschläge von Kony nach sich ziehen.

Irgendwann hat die ugandische Regierung eine Generalamnestie für die Angehörigen von Konys Armee beschlossen. Einige waren versucht, sich zu ergeben, da es sie krank machte zu sehen, an was sie beteiligt waren. Doch 2005 sprach der Internationale Gerichtshof in Den Haag einen Verhaftungsbefehl nicht nur für Kony, sondern auch für seine Anhänger aus. Damit war die Amnestie natürlich nichtig und jagte Konys Anhänger zurück in den Dschungel. Betty hatte das Gefühl, der Internationale Gerichtshof presche zu stark vor und der katholische Erzbischof von Gulu, Odama, ging davon aus, dies würde den Friedensprozess zurückwerfen.

Odama und andere religiöse und politische Führungspersönlichkeiten aus Acholi erhoffen sich weiterhin traditionelle Gerechtigkeit, ein Prozess, bei dem Schuldbekenntnisse, Reinigungsrituale und am Schluss die Wiedereingliederung der LRA-Mitglieder in die Gemeinschaft eine Rolle spielen. Sie denken natürlich auch an eine langfristige Rehabilitierung, nicht nur die Verhaftung oder den Tod eines einzelnen Mannes.

Tatsächlich ist die LRA viel kleiner als anfänglich gedacht. Sie umfasst nicht 30 000 Kindersoldaten. Die Zahl 30 000 bezieht sich auf die Gesamtzahl der Kinder, die in fast 30 Jahren von der LRA entführt wurden. Trotzdem eine erschreckende Zahl, zweifellos.

Konys Probleme konzentrierten sich ursprünglich auf die ugandische Regierung. Er wollte bessere Bedingungen für sein Volk und ein Ende der Gräueltaten, die gegen es begangen wurden. Seltsam, nicht war, dass er dann hinging und noch Schlimmeres tat. Er wollte ausserdem einen Staat auf der Basis der Zehn Gebote gründen. Er scheint unter einem Messias-Komplex zu leiden und hat sich komplett der dunklen Seite zugewandt. Dieser Wahnsinn scheint verzerrte Egos und absolute Macht zu begleiten.

Eine weitere Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wo kommen seine Waffen her? Ein paar afrikanische Länder stellen kleine Waffen her. Illegaler Waffenhandel ist der profitabelste Handel der Welt. Die meisten Waffen werden von China, Frankreich, Grossbritannien, den USA usw. verkauft. Ich werde nie eine sehr verbitterte Muslimin vergessen, die mich nach einer Unterhaltung über Konflikte in Afrika anstarrte und sagte: "Und wer, glauben Sie, gibt uns die Waffen?"

Eine grosse Anzahl komplexer Probleme, bei denen Kony nun selber eine Schachfigur sein mag oder nicht, umfasst unter anderem die Entdeckung von Öl an den Grenzen Ugandas und der Demokratischen Republic Kongo. Skrupellose Interessen spielen oft eine Rolle, wenn es darum geht, Länder zu destabilisieren und abzulenken und diese Interessen sind wahrlich nicht alle afrikanisch. Wirtschaftliche und soziale Probleme in der ganzen Region müssen alle dringend angegangen werden und der Rest der Welt könnte mit Sicherheit kulturell angemessene Wege finde, um Entwicklungshilfe zu leisten.

Ein weiterer Faktor in der Region ist ein Erz mit dem Namen Columbit-Tantalit - oder abgekürzt Coltan. Wird dieses Erz raffiniert, erhält man eine der meistgesuchten Materialien, die in Mobiltelefonen, Stereoanlagen, Computerchips etc. verwendet wird: Die hohe Nachfrage trägt dazu bei, in der Demokratischen Republik Kongo einen blutigen Bürgerkrieg anzuheizen, bei dem viele Kräfte in illegale, konkurrierende Minenoperationen verwickelt sind.

Ich schätze die enorme Energie und die Solidarisierung so vieler in dieser Kony-Kampagne und vielleicht wird sie Wunder bewirken. T-Shirts und Armbänder werden jemandem viel Geld verschaffen, aber nur dazu beitragen, dass wir uns gut fühlen, während Kony böset bleibt. Aber ich weiss auch, wie gut es tut, einen Feind zu haben - irgendwo da draussen, dessen Gesicht man erkennt und dessen Namen man schreien kann. Es ist gut, das Böse zu erkennen - und hier gibt es Böses. Es ist schwerer, sich damit im eigenen Inneren auseinander zu setzen. Die westliche Welt hat eine grosse Auswahl an Bösem, sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart, um den Dschungel in unseren eigenen Hinterhöfen anzugehen. Alles Böse in der Welt ist multidimensional, schlägt Haken und windet sich durch viele aktuelle und vergangene Unzufriedenheiten hindurch. Darum würde ich danach drängen, tiefer nachzuforschen und für jeden von uns mag es eine Ecke des Puzzles geben, die wir direkt angreifen können.

Jean Brown lebt in Südaustralien. Sie setzt sich vor allem in der Entwicklung und Einführung von Friedenskreisen (Creators of Peace) rund um die Welt und für andere IofC-Programme ein, vor allem Action For Life.

ANMERKUNG: Einzelpersonen vieler Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen sind zur Zeit im Rahmen von Initatives of Change aktiv. Dieser Kommentar repräsentiert die Ansichten des Autors/der Autorin und nicht automatisch die von Initiatives of Change als Organisation.