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The Railway Man

Hass muss irgendwann ein Ende nehmen...

Film: "The Railway Man"

Dienstag, 7. Januar 2014

Hass muss irgendwann ein Ende nehmen...

The Railway Man (for use on M Henderson website only)Der Film "The Railway Man" (mit Colin Firth in der Hauptrolle) handelt vom Leben des Engländers Eric Lomax, der als Soldat im 2. Weltkrieg japanischer Kriegsgefangener war. Lomax überlebt die Gefangenschaft, ist jedoch nie in der Lage, das Leiden jener Zeit zu vergessen. Als er Jahre später herausfindet, dass einer seiner ehemaligen Peiniger noch am Leben ist, beschliesst er, ihn aufzusuchen, um endlich mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Aus dem gehassten Feind wird ein Freund. Seine Erfahrung zeigt, dass es Zeiten im Leben gibt, in denen Vergebung nicht erzwungen werden kann und auch nicht sollte. Michael Henderson erzählt die Geschichte von Lomax in seinem Buch "Vergebung: Die Ketten des Hasses durchbrechen".

Bild vom Filmdreh von "The Railway Man" – Der ehemalige Kriegsgefangene Eric Lomax (Mitte), der Jahrzehnte des Leidens hinter sich lässt, um sich mit seinem ehemaligen Peiniger zu versöhnen, umringt von den beiden Schauspielern, die im Film seine Rolle übernehmen: Jeremy Irvine (links) als junger Eric, der Kriegsgefangener in Burma ist, und Colin Firth (rechts), der die Rolle des älteren Erics übernimmt, der gegen die Dämonen seiner Vergangenheit ankämpft)Lomas beschreibt in seinem preisgekrönten Buch "The Railway Man", was geschah, als er in Singapur als Kriegsgefangener in die Hände der Japaner fiel. Als Mitglied des Königlichen Funkercorps hatte er daran mitgearbeitet, heimlich ein Radio zu bauen. Als er entdeckt wurde, wurde er zwei Jahre lang gefoltert und musste hungern. Auch nach dem Krieg litt er noch jahrelang unter den Folgen. 50 Jahre dauerte es, bis er endlich vergeben konnte.

Die Geschichte von Lomax wird auch in meinem Buch "Vergebung: Die Ketten des Hasses durchbrechen" erzählt.

Noch viele Jahre nach Kriegsende gab Lomas seinem Beruf den Vorrang vor seinem Wunsch, alte Rechnungen mit denjenigen zu begleichen, die ihn in Kanburi gefoltert hatten. Aber als er 25 Jahre später in Rente ging, wurde das Verlangen, mehr darüber zu erfahren, was passiert war, stärker denn je. "Ich musste zugeben, dass ich Rache wollte, Rache, die das überstieg, was sie mir angetan hatten." Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr wollte er den Japanern körperlichen Schaden zufügen. "Körperliche Rache schien die einzig angebrachte Strafe für die Wut zu sein, die ich in mir herumtrug." Die Gesichter der japanischen Militärpolizisten verfolgten ihn täglich. Aber der Übersetzer, der bei den Folterungen anwesend war, wurde seine "persönliche Besessenheit", auf den sich sein Hass konzentrierte.

"Obwohl ich es nicht zugeben konnte", sagte er, "befand ich mich in all diesen Jahren des Friedens immer noch im Krieg." Durch eine aussergewöhnliche Reihe von Ereignissen erhielt Lomax dann eines Tages Informationen über jenen Übersetzer, Nagase Takashi, der sein Leben anscheinend wohltätigen Zwecken in der Nähe von Kanburi widmete und dort gerade einen buddhistischen Tempel gebaut hatte. Lomax las mit was er selbst "kalter Skepsis" nannte über seine Aktivitäten, unter anderem auch ein Aussöhnungstreffen an der Brücke des Kwai-Flusses. Nur an Nagase zu denken ekelte ihn. "Ich hatte seit 1945 keine Japaner mehr gesehen und verspürte keinerlei Wunsch, je wieder einen zu treffen. Sein Aussöhnungstreffen klang in meinen Ohren wie eine verlogene Publicity-Aktion."

Aus "The Railway Man" – Eric Lomax (Colin Firth) und seine Frau Patti (Nicole Kidman) in ihrem Auto nach einem schnellen Spaziergang am StrandDann kam Lomax mit einer neuen Organisation in Kontakt, der "Medizinischen Fürsorge-Stiftung für Folteropfer" (Medical Foundation for the Care of Victims of Torture). Wie die meisten Kriegsgefangenen hatte er nie daran gedacht, einen Psychiater oder Psychotherapeuten aufzusuchen. Diese Stiftung war von Helen Bamber, einer Krankenschwester, die 1945 im Alter von 19 Jahren mit den Alliierten Bergen-Belsen betrat, gegründet worden.

1989 las Lomax einen Artikel über den Übersetzer Nagase, der einen Grossteil seines Lebens der Aufgabe widmete, "die Behandlung von Kriegsgefangenen durch die japanische Armee gutzumachen." Nagase wurde zitiert, als er sagte, er hätte sich entschieden, den Rest seines Lebens der Erinnerung derjenigen zu widmen, die beim Bau der Eisenbahn gestorben seien. Der Artikel sprach von seiner schlechten Gesundheit und wie er jedes Mal bei einem Herzstillstand Flashbacks von japanischen Militärpolizisten hätte, die einen Kriegsgefangene folterten, dem man vorwarf, eine Karte der Eisenbahn zu besitzen. "Als ehemaliges Mitglied der japanischen Armee dachte ich, mein Leiden sei die Strafe für unsere Behandlung der Kriegsgefangenen."
Der Kriegsgefangene, von dem Nagase sprach, war Lomax. Endlich hatte Lomax einen seiner Peiniger gefunden. Die alten Rachegefühle kamen wieder hoch und er wollte Nagase für seinen Anteil an der Zerstörung seines Lebens büssen lassen. Ein oder zwei Leute schlugen vor, es sei Zeit, zu vergeben und zu vergessen. "Ich bin normalerweise niemand, der offen über irgendetwas streitet, aber ich begann ein bisschen zu argumentieren. Die Mehrheit der Leute, die Ratschläge über Vergebung verteilten, hatten nicht das durchleben müssen, was ich erlebt hatte. Ich wollte nicht vergeben, noch nicht. Und vermutlich nie."

Dann las Lomax einen Bericht von Nagase, in dem er schrieb, er glaube, ihm sei vergeben worden. Lomax's Frau Patti schrieb ihm daraufhin mit Erics Einverständnis, sie sei erstaunt, er könne so fühlen, wenn der Mann, den er gefoltert hatte, ihm nicht vergeben hätte. Es war der Beginn eines bewegenden Briefwechsels, der schliesslich in einer Begegnung in Kanburi endete.

Lomax beschreibt dieses erste Treffen folgendermassen:

Er verbeugte sich formell, sein Gesicht war in Bewegung und unruhig, sein kleiner Körper reichte mir kaum bis zur Schulter. Ich trat vor und nahm seine Hand und sagte: "Ohayo gozaimasu, Nagase san, ogenki des ka?' (Guten Morgen, Herr Nagase, wie geht es Ihnen?"

Er sah mich an, er zitterte, weinte und sagte immer wieder: "Es tut mir so sehr leid." Ich ergriff irgendwie die Initiative und führte ihn aus der schrecklichen Hitze zu einer Bank im Schatten. Ich tröstete ihn, denn er war wirklich total überwältigt. In diesem Moment half mir meine Fähigkeit, reserviert und kontrolliert zu sein, um ihm zu helfen. Ich murmelte beruhigend, als wir uns hinsetzten. Es war, als ob ich ihn vor der Wucht der Emotionen, die seinen gebrechlich wirkenden Körper erschütterten, beschützte. Ich denke, ich sagte etwas wie: "Es ist sehr freundlich von Ihnen, das zu sagen." angesichts des Kummers, den er immer wieder zum Ausdruck brachte.

Er sagte zu mir: "Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit, aber für mich ist es eine Zeit des Leidens. Ich habe Sie nie vergessen. Ich erinnere mich an Ihr Gesicht, vor allem an ihre Augen." Er sah mir tief in die Augen, als er dies sagte. Sein eigenes Gesicht sah noch genauso aus, wie ich es ihn Erinnerung hatte, ziemlich fein, mit dunklen und leicht versunkenen Augen. Sein weiter Mund konnte unter Wangen, die nach innen sanken, noch wahrgenommen werden.

Ich sagte ihm, ich könne mich noch an seine allerletzten Worte an mich erinnern. Er fragte, was er gesagt hätte und lachte, als ich sagte: "Kopf hoch!"

Bild vom Filmdreh "The Railway Man" – Schauspieler und Team treffen den wahren Eric Lomax und seine Frau Patti in Berwick-Upon-Tweed. Von links nach rechts: Schriftsteller Frank Cottrell Boyce, die Schauspielerin Nicole Kidman (Patti Lomax), Patti Lomax, Eric Lomax, Schauspieler Colin Firth (Eric Lomax), und der Produzent Andy Paterson.Er fragte, ob er meine Hand anfassen dürfe. Mein ehemaliger Befrager hielt meine Hand, die so viel grösser als seine war und streichelte sie ziemlich unbefangen. Ich fand es nicht peinlich. Er hielt mein Handgelenk mit beiden Händen fest und sagte mir, als man mich folterte - er benutzte dieses Wort - hätte er meinen Puls gemessen. Ich erinnerte mich, dass er dies in seinen Erinnerungen geschrieben hatte. Und doch schien sein Kummer jetzt, als wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen, um vieles stärker als meiner zu sein. "Ich war Mitglied der japanisch-kaiserlichen Armee. Wir haben Ihre Landsleute sehr sehr schlecht behandelt." "Wir haben beide überlebt.", sagte ich ermutigend und glaubte es jetzt wirklich.

Ich bin sicher, er sagte ein bisschen später: "Warum wurden Sie in diese Welt geboren? Ich denke, ich kann jetzt sicher sterben."

Die beiden Männer unterhielten sich lange auf ihren Reisen durch die Region. Lomax begann zu fühlen, sein seltsamer Weggenosse sei eine Person, mit der er sich hätte seit langem gut verstehen können, wären sie einander unter anderen Umständen begegnet. Sie hatten viel gemeinsam. Aber Lomax musste sich immer noch mit dem Problem der Vergebung auseinandersetzen. Eine Thailänderin hatte ihm die Bedeutung der Vergebung im Buddhismus erklärt.

Ich begriff, was auch immer man im Leben tut, man bekommt es zurück. Wenn das, was man getan hat, mit Bösem beschmutzt ist und man dafür keine Busse getan hat, kommt das Böse im nächsten Leben vielfach zu einem zurück. Nagase hatte Angst vor der Hölle und es schien, unsere erste Begegnung hatte Teile unser beider Leben schon zur Hölle gemacht. Sogar ich konnte diese Theologie nicht wirklich begreifen. Ich konnte nicht länger den Sinn darin sehen, Nagase durch eine Weigerung, auf ihn zuzugehen und ihm zu vergeben, zu bestrafen...Die Frage war jetzt, den richtigen Moment zu wählen, ihm diese Worte mit der Förmlichkeit zu sagen, die dieser Situation angepasst schien.

Die beiden Männer flogen nach Japan. Sie gingen nach Hiroshima und Lomax und Patti legten eine Blumenstrauss am Denkmal nieder. In einem Zimmer in Tokio erteilte Lomax die formelle Vergebung, die Nagase suchte. "Ich sagte ihm, auch wenn ich das, was 1943 in Kanburi geschehen war, nicht vergessen könne, ich ihm doch meine absolute Vergebung zukommen liesse."

Lomax sagt, dieses Treffen verwandelte Nagase von einem gehassten Feind, mit dem Freundschaft undenkbar gewesen wäre, in einen Blutsbruder. "In all der Zeit in Japan fühlte ich nie einen Anflug der Wut, die ich all diese Jahre gegen Nagase verspürt hatte, keine Rückkehr jener mörderischen Absichten, die ich gefühlt hatte, als ich herausfand, dass einer von ihnen noch am Leben war." Die letzten Worte des Filmes "The Railwah Man" sind: "Hass muss irgendwann ein Ende nehmen."

 

Aus Vergebung: Die Ketten des Hasses durchbrechen