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Mut zum Träumen in Damaskus

Mittwoch, 12. Februar 2014

Iman Al GhafariIman Al Ghafari, Englischlehrerin und Koordinatorin für Friedenskreise in Syrien, setzt sich ohne Unterlass dafür ein, Frieden in den Herzen derjenigen, mit denen sie in Damaskus zusammenlebt und arbeitet, am Leben zu erhalten. Sie nutzt dafür Friedenskreise, ihre Lehrtätigkeit, formlose Interaktionen mit anderen und ermutigende Initiativen wie einen Tagesausflug mit sieben syrischen Frauen in den Libanon, um ihnen Neues zu zeigen. Iman schreibt:

Trau dich, vom Frieden zu träumen. Arbeite daran, vorwärts zu gehen, wenn um dich herum Steine fallen. Versuche, den Kopf hoch zu halten, wenn Zweifel und Angst dich umgeben.

Meine Familie machte sich Sorgen, als ich sieben Frauen, die Friedenskreisen in Syrien angehören, zu einem Treffen dieses Programmes mit in den Libanon nahm, um libanesische Teilnehmerinnen zu treffen. Es ging darum, aus dem Alltag herauszukommen und Menschen mit denselben Erfahrungen zu treffen, Menschen, die Krieg und den Aufbau von Frieden miterlebten, Menschen, die die Süsse von Frieden geschmeckt haben und die Mentalität eines Kämpfers erkannt haben. Es war hart, die Frauen davon zu überzeugen, mich zu begleiten. Ich war enttäuscht und hatte Angst, vor allem, als ich hörte, dass einige Leute dachten, ich würde durch die eine oder andere politische Richtung missbraucht werden. Aber es geht mir nur darum, zusammen an der Zukunft zu bauen.

Syrian women arriving in LebanonWir verliessen Damaskus morgens um 5.50 mit dem Taxi, da es nur wenige Stunden bis zur Grenze sind, aber es gab viele potentielle Gefahren auf dem Weg. Aber die Reise verlief reibungslos. Als wir in Beirut ankamen, wurden wir auf wunderbare Weise empfangen. Sobald wir in den Raum kamen, sahen wir ein Schild, das an der Wand hing: Willkommen, Frauen aus Damaskus!. Ihre Gastfreundschaft berührte uns wirklich.

Die Tagesveranstaltung wurde von Initiatives of Change Libanon organisiert und unsere Teilnahme wurde von IofC-Freunden aus Kanada finanziert. Wir sahen den Film Der Imam und der Pastor. Dann hörten wir die Ansprache von Assaad Chaftari und Mohiedine Shehab, die früher Feinde waren und uns von ihrem Weg der Versöhnung und Vergebung berichteten. Nach dem Mittagessen nahmen wir an einem Workshop über Konfliktlösung teil und tauschten anschliessend Gedanken und Ideen aus. Um halb sechs Uhr abends fuhren wir zurück nach Damaskus, voller Dankbarkeit für die Gastfreundschaft und Inspiration. Nach unserer Rückkehr erhielt ich Briefe von den Frauen, aus denen ich hier zitieren möchte:

Syrian women in Lebanon

Rahaf N schrieb: ‘Ich mochte den Titel "Friedensstifter", er erregte meine Aufmerksamkeit...Als ich am ersten Treffen teilnahm, sah ich ständig zur Tür, bereit zu gehen, denn ich wollte mich nicht mit den Mördern meines jungen Volkes versöhnen...Ich wollte ihnen nicht das vergeben, was sie getan hatten...Ja, ich verallgemeinerte...Ich sah jeden, der zu ihnen gehörte, als Mörder an, aber sie (Iman) rührte unsere blutenden Herzen mit ihrer Zauberhand an, als sie sagte "Sie haben vor euch GENAUSO Angst,wie ihr vor ihnen...sie fühlen euch gegenüber genauso, wie ihr ihnen gegenüber empfindet." Der Besuch im Libanon war unglaublich. Ich mochte sie alle, jede einzelne...Ich mochte ihre Art, uns willkommen zu heissen, wie sie uns umarmten und ich mochte so sehr das Schild, dass Herr Salame an die Wand hängte (Ein herzliches Willkommen unserer Familie, die aus Sham-Land = Damaskus gekommen ist). Ich liebte die Trauben und Kuchen. Ich mochte Maries Art, ihre Gastfreundschaft zum Ausdruck zu bringen, Linas Reaktion, sich für Menschlichkeit einzusetzen und die Art und Weiser aller, uns zu behandeln, so wie es sein sollte, nicht wie unsere Herkunft es uns vorschreibt.

Syrian women in Lebanon'ch wünschte, wir hätten länger bleiben können, um uns besser kennenzulernen. Ehrlich, es war das erste Mal,dass ich Zeit mit jemandem verbrachte, der einer anderen Glaubensrichtung angehört. Es war das erste Mal, dass ich mit einer Christin, einer Schiitin und einer Drusin sprach. Wir stellten einander viele Fragen und vieles wäre noch zu fragen, aber wir hatten nicht genug Zeit. Ich schlage wirklich mehr Treffen und mehr Workshops vor. Ich bin bereit, an mehr Übungen teilzunehmen, um Ideen darüber auszutauschen, wie man Frieden stiften kann."

(Ich möchte hinzufügen, dass Frau Rahaf nach ihrer Teilnahme an den Friedenskreisen einen jungen Mann davon abhalten konnte, Selbstmord zu begehen und andere davon überzeugen konnte, dass dies der Weg ist, um Frieden zu schaffen.) 

Für Suhair ging es darum, viele Ängste zu überwinden. "Ich hatte diese grosse Angst inmir, ich weiss nicht warum und eine Stimme redete mir ein, vorsichtig zu sein. Später wurden wir allen vorgestellt, die anderen Religionen angehörten und ich war wirklich froh, sie kennenzulernen. Vorher wusste ich nicht, dass Menschen unterschiedlich sein können und mir war nicht bewusst, wie wir von anderen wahrgenommen werden und warum wir andere als "anders" wahrnehmen. Ich hörte viele Berichte und ich spürte wirklich ihre Ehrlichkeit und mochte die Idee, dass sie alle verschiedenen Diamanten gleichen, die verschiedene Formen haben. Ich mochte auch die Idee, die davon ausgeht, "Frieden zu suchen, bedeutet nicht, unsere Rechte zu verlieren. Es berrührte michsehr, als wir anfingen zu beten und eine der libanesischen Frauen sagte: "Ich werde einen Gebetsteppich und Kleider kaufen, um sie zu Hause aufzubewahren, damit ihr nächstes Mal, wenn ihr kommt, euch wohler fühlt."

Syrian women in LebanonFrau Maysa fasste es in andere Worte: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir sehr unterschiedlich sind. Es fühlte sich an, als hätten wir dasselbe Ziel und die gleiche Richtung, nämlich Frieden stiften und Brücken bauen. Ich mag die Art der Zusammenarbeit und Vorbereitung, die sie investiert hatten, um uns mit so viel Freude und Freundlichkeit, mit einem strahlenden Lächeln auf ihren Gesichtern zu begrüssen. Alles, was ich gesehen habe, hat mich beeindruckt und zeigte mir auf, was den Menschen meistens fehlt: Mitgefühl, Respekt und Vergebung. Der Zweck jeder Religion und Zivilisation ist es, Frieden zu verbreiten, Liebe und gute Beziehungen aufzubauen - das, was immer siegen wird. Es war ein wirklich grossartiger und wunderschöner Tag...es war wie eine erfrischende Pause inmitten dieser düsteren Zeit, die wir durchleben."

Sarah fügte hinzu: "Ehrlich, ich möchte es 'Erne im Libanon einholen' nennen, denn es war eine wirklich fruchtbare Zeit. Für mich war es auf vielen Ebenen fruchtbar, denn es war wie eine Zusammenfassung unserer Erfahrung bei den Friedensstiftern (Creators of Peace). Ich wünschte mir wirklich, jeder, der eine Waffe trägt oder alle, die dazu beitragen, diesen Konflikt am Leben zu erhalten, könnten hören, was wir gehört haben. Natürlich war es ein grossartiger Ausflug, weil gute Menschen mit dabei waren und wir auch gute Menschen trafen. Ich hoffe, wir werden uns wieder treffen und dass wir euch (neue libanesische Freunde) haben, wenn hier in Syrien der Krieg vorbei ist."

Syrian women in LebanonDie Reise ist nicht leicht, aber ein Heilungsprozess ist in Gang gekommen, auch für meinen Stress und meine Ängste. Samenkörner der Hoffnung wurden gepflanzt, um zu glauben, dass unsere Kinder besser lernen, wie wichtig Frieden ist. Ich danke dem libanesischen Team noch einmal für seine Gastfreundschaft, den Mitgliedern der CoP-Familie, die uns unterstützt haben und dem kanadischen IofC-Team, das uns finanziell unterstützt und uns auch mit seinen Gebeten geholfen hat. Diese Arbeit kann negative Energie zurückdrängen."

Fotos von Marie Chaftari