Soziale Medien unter der Lupe

Soziale Medien unter der Lupe

Dienstag, 26. Januar 2021
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Die Social-Media-Giganten der Welt haben endlich zugegeben, dass sie nicht nur Plattformen, sondern auch Verleger sind. Sie sind verantwortlich für die Inhalte, die sie zulassen oder nicht zulassen und die von uns, der Öffentlichkeit, als Autoren geliefert werden. Vor diesem Hintergrund ist beispielsweise die Entscheidung zu verstehehen, Donald Trump von Twitter zu verbannen, weil er die Social-Media-Plattform nutzte, um einen Aufstand anzuzetteln.

Ich denke, dass dies eine gute Sache ist. Als Journalist habe ich mich nie der Ansicht angeschlossen, die Freiheit zu publizieren sei sakrosankt und ein absoluist Recht. Es gibt Gesetze dagegen, auch solche, die Rassenhass oder Online-Kindersex und Pädophilie verbieten. Es gibt Grenzen für eine freie Meinungsäußerung und die Unternehmen der sozialen Medienlandschaft sind sich dessen bewusst.

Allein Facebook beschäftigt 7.500 Moderatorinnen und Moderatoren, um seine Inhalte zu überwachen, nachdem entsetzliche Livestreams von Selbstmorden und Morden veröffentlicht wurden. Das ist eine gewaltige Aufgabe und fordert seinen Tribut von den Mitarbeitenden, die sich erschütternde Inhalte ansehen müssen.

Die Macht, die die sozialen Medienunternehmen ausüben, ist beispiellos in der Weltgeschichte. Sie sind der Grund für den "Internet-Aktivismus" von Bürgerbewegungen und für eine Fundraising-Methode, die als "Crowdfunding" bekannt wurde.  Für viele sind sie die Hauptquelle für Nachrichten, aber auch für Fake News und Verschwörungstheorien. Wir brauchen die Weisheit, zwischen dem zu unterscheiden, was wahr und was falsch ist. Auch die Social-Media-Unternehmen sind sich dessen bewusst.

Social-Media-Unternehmen haben vielleicht mehr Einfluss als Regierungen, die im Gegensatz zu Social Media in erster Linie für das Wohlergehen ihrer eigenen Bürgerinnen und Bürger verantwortlich sind, aber durch internationale Verträge nur begrenzten globalen Einfluss haben.

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um die sozialen Medien mit dem zu vergleichen, was früher in den einstigen Mainstream-Medien geschah. Auf ihrem Höhepunkt hatte die Zeitung Yomiuri Shimbun in Japan mit 14,3 Millionen Exemplaren am Morgen und am Abend die größte Auflage der Welt. Die Ahasi Shibun hatte durch ihre Morgen- und Abendausgaben eine Auflage von 11 Millionen. USA Today hatte 2,6 Millionen. Für Zeitungen ist ihre Online-Präsenz inzwischen wichtiger als ihre Printausgaben. Fernsehsender können in Ekstase geraten, wenn sie für eine bestimmte Sendung eine Zuschauerzahl von annähernd 20 Millionen erreichen.

Social-Media-Unternehmen stellen diese Zahlen in den Schatten, und zwar gewaltig. Sie sind die großen, freundlichen Giganten - und manchmal auch weniger freundlich. Facebook hat monatlich 2,7 Milliarden aktive und täglich 1,82 Milliarden aktive Nutzerinnen und Nutzer. Ich bin einer von ihnen. Twitter hat 15,2 Millionen tägliche Nutzerinnen und Nutzer. In einem Jahrzehnt hat Twitter eine Milliarde aktive Nutzerinnen und Nutzer sowie 500 Millionen tägliche Tweets erfasst - mehr als die Bevölkerung Südamerikas. Google generiert 5,5 Milliarden Suchanfragen pro Tag. Rund 197 Millionen Menschen besuchen jeden Monat Amazon, die größte E-Commerce-Plattform der Welt.

Die Zahlen sind schwindelerregend. Dabei gab es einige dieser Unternehmen vor 30 Jahren noch gar nicht. Facebook wurde von Mark Zuckerberg im Februar 2004 gegründet, Twitter von Jack Dorsey im März 2006 und Google wurde von Larry Page und Sergey Brin im September 1998 gegründet, als sie noch Doktoranden an der Stanford University waren. Amazon wurde im Juli 1994 von Jeff Bezos in seiner Garage gegründet.  Im Jahr 2015 überholte es Walmart als wertvollster Einzelhandelunternehmen in den USA, gemessen an der Marktkapitalisierung. Microsoft wurde im April 1975 von Bill Gates gegründet. Instagram, das zu Facebook gehört, wurde erst im Oktober 2010 von Kevin Systrom und Mike Krieger gegründet und hatte nach nur zwei Monaten eine Million registrierte Nutzerinnen und Nutzer.

Diese gehören heute zu den größten Unternehmen der Welt. Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (zu dem Google gehört) und Facebook gehören zu den sechs größten Unternehmen. Darunter zu finden ist auch der Ölkonzern Saudi Aramco, der gemessen an der Marktkapitalisierung das zweitgrösste Unternehmen weltweit ist. Apple hat Aramco Ende Januar vom ersten Platz verdrängt. Diese Unternehmen haben ihre Gründerinnen und Gründer zu den reichsten Unternehmerinnen und Unternehmern der Welt gemacht.

Natürlich muss niemand von uns diese Unternehmen nutzen. Wir tun es aus Bequemlichkeit und ignorieren dabei manchmal nsere Skrupel außer Kraft. Wir wissen vielleicht von den Berichten, dass Amazon seine Mitarbeitenden mit unmenschlichen Arbeitszeiten und -bedingungen ausbeutet und Steuerzahlungen umgehet. Dennoch kaufen wir dort ein, anstatt es zu boykottieren.

Ich nutze Facebook wie ein Online-Tagebuch, auf das ich im Laufe des Jahres zurückblicken kann, und beschränke den Zugang zu meinen Beiträgen meist auf mein Netzwerk von Freunden.

Ich persönlich versuche, Google zugunsten der in Berlin ansässigen Suchmaschine Ecosia zu meiden, die Bäume entsprechend der Anzahl der Suchanfragen pflanzt- bisher fast 120 Millionen. Es gibt mindestens 10 Wohltätigkeits-Suchmaschinen mit einer sozialen Aufgabe. Ich weigere mich, das Wort Google als allgemeines Verb zu verwenden.

Wir alle haben die Wahl, welche sozialen Medien wir nutzen, wie wir sie nutzen und wie oft. Wir können soziale Medien nutzen, um mit unserem Netzwerk von Freundinnen und Freunden in Kontakt zu bleiben, wie ich es tue - oder um zu trollen, was zu tragischen Konsequenzen führen kann, einschließlich Selbstmorden. Die Nutzung sozialer Medien zum Guten oder Schlechten hängt von unseren menschlichen Beweggründen und den Werten ab, nach denen wir leben. Wir alle haben eine Verantwortung für ihre Inhalte. Wir können entweder süchtig danach sein, oder wir können sie loslassen und wissen, wann wir sie ignorieren müssen. Wir können die Inhalte steuern, anstatt uns von ihnen steuern zu lassen.

Soziale Medien haben die Art und Weise, wie wir Dinge tun, für Millionen Menschen auf der ganzen Welt verändert. Und weil wir alle daran teilnehmen, sind soziale Medien letztlich demokratisch. Wir alle profitieren davon - und sind alle mitschuldig an ihrer Nutzung. Wie in der Demokratie bekommen wir die sozialen Medien, die wir verdienen.


Mike Smith

 

Michael Smith ist freiberuflicher Journalist und Autor, der seit vielen Jahre mit Initiatives of Change zusammenarbeitet. Bevor er in den Ruhestand trat, war er von 2012 bis 2017 Leiter der Business-Programme bei Initiatives of Change UK. Sein neuestes Buch mit dem Titel "Leading with Integrity" (Führen mit Integrität) befasst sich mit der "Schaffung positiver Veränderungen in Organisationen" und enthält Fallbeispiel zu ethischem Leadership.

 

 

HINWEIS: Menschen aus vielen Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen sind bei Initiativen der Veränderung aktiv. Diese Kommentare stellen die Ansichten des Verfassers dar und nicht unbedingt die von Initiativen der Veränderung als Ganzem.