Menschen - Geschichten - Berichte

Vertrauensbildung durch Zugehörigkeit

Dienstag, 12. Mai 2020

 

Jessie Sutherland ist TEDx-Sprecherin, Autorin und Evaluierungsmanagerin des Trustbuilding-Programms und nahm an unserer Vortragsreihe teil, in der verschiedene Perspektiven der Vertrauensbildung in Krisenzeiten vorgestellt werden. Ihre Erfahrung als Expertin für Gemeindebeziehungen, Leadership-Training und Dialoge zur Konflikttransformation sorgte für ein interessantes Gespräch.

 

Vertrauensbildung in Krisenzeiten durch Zugehörigkeit

Ich möchte ein wenig darüber sprechen, wie wir Probleme sehen. Aus welchem Blickwinkel betrachten wir sie? Wie wir Probleme sehen und wie wir die Welt sehen, wirkt sich darauf aus, was wir sehen, wie wir denken und wohin wir unsere Anstrengungen lenken.

Die primäre Linse, mit der ich die Welt betrachte, ist Zugehörigkeit. Zugehörigkeit führt zu Quantensprüngen in der Art und Weise, wie ich denke und wohin ich meine Anstrengungen lenke.

Was verstehe ich unter Zugehörigkeit? Im Zentrum eines jeden sozialen Problems auf der ganzen Welt findet man immer eine Gruppe von Menschen, die sich verdrängt fühlen. In diesem Modell sind jene Menschen, die hinausgedrängt werden sowohl die Betroffenen als auch die Fachleute. Sie wissen, wie sie hinausgedrängt wurden und welche Werte dabei untergraben wurden. Um eine Kultur der Zugehörigkeit aufzubauen, damit wir wirklich zusammenarbeiten können, müssen wir unsere Einstellungen und Verhaltensweisen sowie unsere Systeme und Politik ändern. Persönliche Veränderungen oder systemische Veränderungen allein werden nicht ausreichen. Wandel geschieht gemeinsam.

 

Für gemeinsamen Wandel brauchen wir Fachleute

Wie sieht das konkret aus?

Die Menschen, die am meisten betroffen sind, befinden sich als Fachleute auf einem Weg, um eine Kultur der Zugehörigkeit aufzubauen. Ihre Reise besteht darin, ihre Würde, ihre Stimme und ihr Leadership zu behaupten. Ihre Stimme wurde oft zum Schweigen gebracht, ihre Würde untergehöhlt und sie wurden nicht als die wahren Leader geschätzt, die sie sind. Ihre Arbeit besteht darin, ihre Stimme, ihre Würde und ihr Leadership wieder zu behaupten, und das erfordert radikalen Mut. Wenn man hinausgedrängt und herumgestossen worden ist, ist das Letzte, was man tun möchte, den Kopf zu weit hinauszustrecken. Das erfordert grossen Mut.

Es bedeutet auch, seine eigene Stimme zu entwickeln. Jeder einzelne Mensch ist ein Geschenk an diesen Planeten, und wir brauchen Ihre Stärke. Wir brauchen Ihre Stimme. Wir brauchen Ihre Einsicht, denn Sie halten den Schlüssel für die Welt in der Hand. Sie wissen, was geschehen muss.

Für viele bedeutet es auch, Handlungsfähigkeit zu erfahren - die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und zu wissen, dass man unterstützt wird und dass man wichtig ist. Es geht auch darum, zu erfahren, dass man ein geschätztes Mitglied der Gemeinschaft ist.

 

Fachleute brauchen den Rest der Gemeinschaft und umgekehrt

Dann gibt es noch den Rest der Gemeinschaft, denn all dies ist eine wechselseitige Beziehung. Auch der Rest der Gemeinschaft muss etwas dazu beitragen, um diese Kultur der Zugehörigkeit aufzubauen. Unsere Rolle besteht darin, den am stärksten betroffenen Menschen - den Fachleuten - zuzuhören und dann zu handeln. Es geht nicht darum, zuzuhören und Tränen zu vergiessen und wie gewohnt weiterzumachen. Es geht darum, zuzuhören und all unsere Stärken und Ressourcen zu nutzen, um die Würde, die Stimme und das Leadership der am stärksten betroffenen Menschen zu fördern. Und das bedeutet auch, zu begreifen, wieviel Mut es braucht, damit sie ihre Stimme, ihre Würde und ihr Leadership durchsetzen können.

Wenn wir zuhören und Tränen vergiessen und dann wie gewohnt weitermachen, wird das kein Vertrauen schaffen.
Sind unsere Institutionen vertrauenswürdig? Sind wir vertrauenswürdig?

 

Damit diese Zusammenarbeit auf einer höheren Ebene funktionieren kann, brauchen wir einen Systemwandel.

Dazu gehört ein Systemwandel auf allen Ebenen. Wir müssen neuen Raum schaffen, damit wir gemeinsam Entscheidungen treffen können, damit wir wirklich zusammenarbeiten und Wege finden, um die Beiträge der am stärksten betroffenen Menschen anzuerkennen. Wenn wir diese Arbeit getan haben, erkennen wir, dass diese Menschen uns ein unglaubliches Geschenk machen können, weil sie wissen, wie sie hinausgedrängt wurden und welche Werte und Systeme und Beziehungen sie dazu gebracht haben. Sie vermitteln uns die Erkenntnis, zu sehen, was dafür geopfert wurde. Wenn wir Würde und Raum für die am stärksten betroffenen Menschen schaffen, schaffen wir Würde in uns selbst und in der ganzen Gemeinschaft, weil wir alle miteinander verbunden sind.

 

Neugierig darauf, mehr darüber zu erfahren, wie Vertrauen durch ein Gefühl der Zugehörigkeit aufgebauen werden kann?
Sehen Sie sich hier das Webinar auf unserem YouTube-Kanal an.

 

Jessie Sutherland

Jessie ist Autorin von "Worldview Skills: Konflikte von innen lösen" und Gründungsdirektorin von "Belonging Matters", einem preisgekrönten gemeinschaftsgeführten Veränderungsmodell, das über 2,5 Millionen Menschen in über 8 Sprachen erreicht hat. Sie arbeite u.a. mit indigenen Gemeinschaften im Norden Kanadas sowie in Europa, dem Nahen Osten, Westafrika und Südamerika und arbeitet als Evaluierungsmanagerin beim Trustbuilding-Programm.

 

 

Unterstützen Sie das Trustbuilding-Programm mit einer Spende über PayPal in einer der folgenden Währungen:

USD, GBP, EURO oder CHF.

Das Trustbuilding-Programm befasst sich international und national mit Konfliktthemen. Voraussetzung ist hierbei die Überzeugung, dass nur Menschen, die sich persönlich mit dem Aufbau von Vertrauen auseinandergesetzt haben, weltweit Spaltungen überwinden können. Das Programm wurde 2019 in Kenia, Kanada und Frankreich von Initiativen der Veränderung ins Leben gerufen.