Zieh die Schuhe aus

Zieh die Schuhe aus

Dienstag, 2. März 2021
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Caux window view
by Rob Corcoran

 

Im Sommer 2002 hielt Rev. Syngman Rhee auf einer internationalen Konferenz in Caux (Schweiz) eine Ansprache. Hoch über dem Genfer See gelegen ist Caux ein Ort der Heilung für erbittert zerstrittene Gruppen - angefangen mit Franzosen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Als er sich dem Podium näherte, zog der in Korea geborene Friedensstifter und angesehene Leiter der Presbyterianischen Kirche (USA) seine Schuhe aus. Er erklärte: "Ich fühle mich zutiefst geehrt, auf diesem "heiligen Boden" in Caux zu stehen, wo so viele Menschen ihr Leben der Versöhnung, dem Frieden und der Gerechtigkeit für alle Menschen auf der ganzen Welt gewidmet haben."

Meine Kollegin Paige Chargois, eine afroamerikanische Pastorin, die Rhee nach Caux eingeladen hatte, erhob sich von ihrem Platz und stellte ihre eigenen Schuhe an den Fuss der Plattform. Viele andere von uns folgten diesem Beispiel, bis Dutzende von Schuhen in allen Formen, Grössen und Farben vorne standen.

Paige sagte zu mir: "Natürlich spielte Pfarrer Rhee auf Gottes Befehl an Mose in der Bibel an, als dieser gerade dabei war, in der Nähe des Berges Horeb die Schafe auf die Weide zu führen. Er wusste genau, dass es in Caux ein 'Gottes-Moment' war, zu dem er uns einlud und den er für uns schuf."

Einige Jahre später begrüsste ich in Caux eine andere Friedensstifterin, Gail Christopher, die Senior-Vizepräsidentin der W. K. Kellogg Foundation. Es war ihre Vision, die 'Truth, Racial Healing & Transformation' in Städten in ganz Amerika ins Leben gerufen hatte. Sie hatte zwanzig Leiter von US-Organisationen, die sich für rassische Heilung und Gleichberechtigung einsetzen, nach Caux eingeladen. Nachdem ich sie auf ihr Zimmer gebracht hatte, bat sie mich, sie durch das Gebäude und das Gelände zu führen. Wir gingen durch die Grosse Halle und schlenderten dann die Terrasse mit Blick auf den See entlang. Während wir so gingen und uns unterhielten, sagte Gail: "Ich habe das Gefühl, dass dies ein Ort ist, an dem Heilung stattfinden kann."

Caux ist ein einzigartiger Ort. Aber wir alle können Räume schaffen, in denen Heilung stattfinden kann. Manchmal bedeutet dies einfach, anderen unser Haus oder unser Herz zu öffnen. Als 1977 die erste schwarze Mehrheit in den Stadtrat von Richmond (Virginia) gewählt wurde, lud Helen Rumple, eine weisse Sekretärin im Ruhestand, einen der neuen Stadträte, Walter Kenney, und seine Frau zum Tee in ihr Haus ein. Es war das erste weisse Haus, in das Kenney in der ehemaligen Hauptstadt der Konföderierten Staaten eingeladen worden war. Im Jahr 1993 lud er als Bürgermeister von Richmond die internationale Gemeinschaft zu einem ersten 'Gang durch die Rassengeschichte' der Stadt ein.  

Bald nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 beschlossen zwei andere Richmonder, Ben und Virginia Brinton, Musliminnen und Muslimen die Hand zu reichen. Sie traten dem örtlichen Interfaith Council bei. Beim ersten Abendessen betete Virginia: "Herr, wenn du willst, dass wir Menschen muslimischen Glaubens kennenlernen, dann sorge bitte dafür, dass wir mit einigen von ihnen zu Abend essen." An diesem Abend trafen sie Malik Khan, den Präsidenten des islamischen Zentrums, und seine Frau Annette. Die beiden Paare wurden feste Freunde. Sie waren in der Lage, ehrliche Gespräche zu führen und die Geschichten des bzw. der jeweils anderen zuzuhören. Virginia sagte: "Gott gab mir den Mut und die Überzeugung, meine Komfortzone zu verlassen und neue Menschen kennen zu lernen. In meinen Gesprächen mit Musliminnen und Muslimen merke ich, dass auch sie das Bedürfnis haben, auf andere zuzugehen und aus ihrer Isolation herauszukommen. Es war eine grossartige Lernerfahrung für uns.'

Protestants and Catholics Photo by Rob Corcoran

Zwanzig katholische und protestantische Vertreterinnen und Vertreter der Kommunalverwaltung, des Bildungswesens, der Landwirtschaft, der Wirtschaft und des Freiwilligensektors aus Nordirland verbrachten im September 2006 eine Woche in Richmond, um den dortigen Ansatz zur Versöhnung zu studieren. Sie bemerkten die Kraft des Körperkontakts, als sie gebeten wurden, sich an den Händen zu fassen und schweigend im Gänsemarsch auf dem historischen Pfad der versklavten Afrikanerinnen und Afrikaner zu gehen. Bei diesem Spaziergang durch die Geschichte konnte sich "die eine Gemeinschaft ihrem Schmerz und die andere ihrer Scham stellen", erklärten sie anschliessend.

Später baten wir die Gruppe, sich in Zweiergruppen aufzuteilen. Jede Person wurde gebeten, kurz eine Situation zu skizzieren, in der sie mit einem anderen Familienmitglied in Konflikt stand, und dann zu versuchen, diesen Konflikt aus der Sicht der anderen Person zu beschreiben. Dann wiederholten wir die Übung, um ihre Erfahrungen zu beschreiben.

Für viele war die Erfahrung anfangs schwer. "Indem ich die Geschichte der Gegenseite erzählte, war es, als würde ich meine eigene Position im Stich lassen und den Überzeugungen der anderen Seite Glauben schenken", berichtete eine Frau. "Ich fühlte mich schuldig, illoyal gegenüber meiner Gruppe", sagte eine andere Teilnehmerin. Mehrere verspürten aber auch ein Gefühl der Verantwortung bei dem Versuch, die Sichtweise der anderen Seite in Worte zu fassen: "Man beginnt zu zweifeln. 'Habe ich das richtig verstanden?'"

"Ich fühlte mich von der Angst vor dem Unbekannten befreit", sagte ein junger Mann aus Belfast. "Manchmal, wenn man über die Gegenseite nachdenkt und sie in Worte fasst, exorziert man seine eigenen Dämonen. Man befreit sich selbst. Es geht um mehr als nur tolerieren. Es geht um Respekt, nicht unbedingt um Zustimmung."

Ein Motto dieser Website lautet: "Raum für Veränderung schaffen". In unserer vertrauensbildenden Arbeit mit Initiativen der Veränderung sagen wir oft, dass jeder Mensch eine "heilige" Geschichte hat, eine Narrative, die für ihn wertvoll ist. Dieser Geschichte zuzuhören, wie schwierig oder schmerzhaft sie auch sein mag, ist ein Akt der Gastfreundschaft. Wenn wir in das Leben oder das Haus einer anderen Person eintreten oder sie in das unsere einladen, wenn wir uns mit ihr auf ein Gespräch des Herzens einlassen, betreten wir ihren heiligen Raum oder heissen sie in unserem willkommen.

Wie Syngman Rhee betreten wir heilige Räume demütig, ziehen unsere Schuhe aus, lassen unsere vorgefassten Ideen, unsere Meinungen, unsere Vorurteile und unseren Stolz an der Tür zurück. Wir öffnen Kopf und Herz für das, was wir entdecken können. In diesen heiligen Räumen kann Vertrauen aufgebaut und Veränderung möglich werden.

 

Diese Reflexion wurde ursprünglich am 25. Februar 2021 auf Rob Corcorans Webseite veröffentlicht.

 


Rob Corcoran

Rob Corcoran ist Trainer, Moderator, Autor, Praktiker für Rassenheilung und internationaler Berater, der unzählige Workshops mit unterschiedlichen und polarisierten Gruppen auf der ganzen Welt geleitet hat. Von 2006 bis 2016 war er der nationale Leiter unseres Teams in den Vereinigten Staaten, wo er 1993 Hope in the Cities mit Sitz in Richmond (Virginia) gründete. Rob war massgeblich an der Entstehung des Trustbuilding-Programms beteiligt und unterstützt die  Teams aktiv bei ihren Projekten.

HINWEIS: Menschen aus vielen Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Glaubensrichtungen sind bei Initiativen der Veränderung aktiv. Diese Kommentare stellen die Ansichten des Verfassers dar und nicht unbedingt die von Initiativen der Veränderung als Ganzes.